Wingolfspauke zum 82.Stiftungsfest

Werte Kommerscorona, es steigt nun die Wingolfspauke!

„Ach die Wingolfspauke, ist e jedes Jahr das gleiche“, das wird einigen hier eben durch den Kopf gegangen sein. Die Probleme der Studenten durch den Bolognaprozess oder die Wirtschaftskrise haben wir doch in letzteren Pauken öfters zu Ohren bekommen. Doch ich habe heute ein anderes Hauptthema erarbeitet.

Eines der wichtigsten Themen für mich in diesem Semester ist die Arbeit am Zusammenhalt innerhalb der Verbindung. Die Frage des „warum“ ist einfach zu beantworten. Mit dem Treueschwur der Burschung, der wie folgt unter Eid geschworen wird:

„Gelobst du, stets zum Wingolf zu Wien zu stehen, an seinen Prinzipien getreulich festzuhalten, seine Statuten gewissenhaft zu befolgen, Freud und Leid mit ihm zu teilen, seine Interessen nach Kräften zu fördern und allen seinen Mitgliedern ein wahrer Freund und Bruder zu sein. So gelobe es auf die rot–weiß–grüne Fahne des Wingolf zu Wien.“

Wir geloben ein wahrer Freund und Bruder zu sein, aber ist das so? Wir keilen oft mit dem Argument der Brüderlichkeit im Wingolfsbund. Nur sind wir alle brüderlich in unserem Miteinander? Sind wir jedem Bundesbruder ein Bruder in guten und in schlechten Zeiten?

Es kommt mir vor, als ob seit einigen Semestern der Kontakt der Verbindung zur Öffentlichkeit der Hauptpunkt der Semesterplanung ist. Wir brauchen große Berühmtheiten, oder tolle Veranstaltungen, denn sonst können wir ja nicht keilen. Aber ist das wirklich so?

Natürlich machen sich solche Veranstaltungen gut in dem Programm und es zieht womöglich auch Spähfuxen auf die Bude, aber mit welcher Intention? Sicherlich nicht, weil sie auf der Suche nach Brüderlichkeit und dem Bruderbund waren. Aber gerade das ist für mich einer der wichtigsten Punkte im Wingolf aktiv zu sein.  Teil des Bruderbundes zu sein, ein Leben lang. Das Wort Brüderlichkeit birgt als Stammwort den Begriff Bruder, das sich vom japhetischen „bʰer“ ableitet. Das bedeutet unter anderem Frucht bringen und gerade dieser Terminus drückt doch aus, was der Bund für uns bedeuten soll.

Ein Bundesbruder zu sein heißt, die Fehler und Schwächen des anderen zu tolerieren und Meinungsverschiedenheiten nicht mit einer „Hau drauf Mentalität“ zu schlichten, sondern auf brüderliche Art in einem Gespräch. Die Stärken der Brüder sollte man fördern und ihm in jeder Lebenssituation zur Seite stehen. Das ist für mich Brüderlichkeit. Doch  sehen wir uns einmal die Definition des Begriffes Brüderlichkeit an: „Brüderlichkeit ist der historische Begriff für die Überzeugung von der Zusammengehörigkeit und von der Gleichheit und Würde aller Menschen.“

Die Gleichheit und Würde aller Menschen, dies sollte man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Außenstehenden vermitteln wir, dass wir ein Bruderbund sind. Respektieren wir die Gleichheit und Würde jedes Menschen?

Dies ist vielleicht eine harte Fragestellung, doch sollte jeder von uns einmal darüber nachdenken wie es bei uns selbst mit der Erfüllung dieser Anforderung aussieht. Gerade für uns, als christliche Studentenverbindung, ist die christliche Definition der Brüderlichkeit sehr wichtig: “Die Einswerdung mit Christus schließt die Einswerdung der Christen untereinander ein und bedeutet so die Aufhebung der trennenden natürlichen geschichtlichen Grenzen.“ Dazu der passende Vers aus dem Matthäus Evangelium, Kapitel 23, Vers 8: „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder.“

Ihr aber alle seid Brüder. Passende Worte aus lang vergangener Zeit, die wir als Wingolfiten heute noch hoch halten müssen.

Wir sind kein unpersönlicher Club oder eine Lobbyverbindung, wir sind der Wingolf. Und vorallem der Wingolf zu Wien. Wir müssen uns in Wien gegen die großen ÖCV Verbindungen durchsetzen und gerade hier sehe ich unser großes Potential als Bruderbund. Wir brauchen uns nicht mit 20-30 Fuxen zu brüsten, die sich untereinander nicht kennen und die Burschen erst recht nicht. Wir sollten unsere Maßstäbe nicht an der zweistelligen Zahl der Füxe stellen. Sondern lieber eine kleine, aber starke Fuxia bilden. Wir brauchen junge, angehende Akademiker, die den Willen haben in den Wingolf zu investieren. Junge Menschen die den Sinn des Wingolfs begriffen haben und sich engagieren wollen in einer Sache, die es nun schon seit mehr als 160 Jahren gibt. Die jungen Studenten müssen erfassen, welch Vorteile sie dadurch unter den anderen Studenten erlangen. Sie werden später ihr Engagement und ihre Arbeit für den Wingolf tausendfach zurückbekommen.

Deshalb, meine lieben Bundesbrüder, sollten wir bei der Keilung, abgesehen von den Vorteilen der Vernetzung und Bereitstellung von Hilfe im Studium, den Bruderbund als zentrales Thema vermitteln. Denn so können wir uns in Wien durchsetzen und haben einen sehr gewichtigen Vorteil, gegenüber den anderen Verbindungen bei der Keilung.

Werte Bundesbrüder, denkt immer daran, wir sind Bundesbrüder und haben dies unter Eid geschworen. Haltet dieses Privileg euer Leben lang hoch, es kann euch nur gutes bringen.

Zum Abschluss dieser Pauke zitiere ich Johann Heinrich Pestalozzi: „Wer sich im Geist und in der Wahrheit als Bruder von Hunderten fühlt, der ist ein höherer Mensch als der zärtlichste Bruder von Einem.“

C.O. Wi07

Advertisements

Wingolfspauke zum 81.Stiftungsfest

Werte Kommerscorona, es steigt die Wingolfspauke.

Lange habe ich überlegt, was könnte ich euch als Pauke darbieten? Welches Thema anschneiden das nicht bereits mehrfach gebraucht wurde? Mehrere Male habe ich die Pauke umgeschrieben um ein Thema mit Inhalt zu finden.

Was ist eine Pauke? Was ist der Wingolf? Woher nimmt der Wingolf seine Existenzberechtigung?

Ist der Wingolf ein kostspieliges Hobby? Ein zeitraubender Klotz am Bein? Schädlich für die Gesundheit? Hinderlich am und im Studium? Etwa gar ein Deckmantel, ein Vorwand für ungezügelten Alkoholkonsum?

Werte Corona, in der heutigen Zeit darf man sich durchaus fragen: Ist der Wingolf noch zeitgemäß oder hat er sich selbst überlebt?

Landauf landab ist die Wirtschaftskrise spürbar. Beinahe täglich neue Meldungen über aberwitzige Summen zur Rettung maroder Banken und Unternehmen. Eine nachhaltige Besserung in nächster Zeit ist nicht in Sicht.

Der Bologna-Prozess hat die einstige wissenschaftliche Einrichtung Universität zu einer besseren Schule verkommen lassen. Arbeitsüberlastung der Studierenden, Frust im Studium, verkürzte Studienzeiten bei gleichem Stundenaufwand – Interessen des Marktes dominieren das Bild. Die eigentliche Bildung des Einzelnen verkümmert, scheint lediglich ein Nebeneffekt zu sein. Woher bekommt ein Student die von der Arbeitswelt geforderten Social Skills? Wie kann ein Student in so kurzer Zeit ein überdurchschnittliches Studium absolvieren? Wie Praktika Erfahrung sammeln? Wann die geforderte Auslandserfahrung?

Hat ein Student nicht bereits genug mit seinem Lebensunterhalt zu kämpfen? Hat ein Student nicht bereits zu viele Sorgenfalten von undurchsichtigen Prüfungen, Prüfungsordnungen, den Anforderungen der Dozenten?

Wie soll ein Student bei all diesen Problemen zu dem werden, was die Gesellschaft fordert? Wie soll ein Student zur zukünftigen geistigen Elite des Landes gehören, wenn kaum Zeit neben dem Studium zur persönlichen Entfaltung bleibt? Wie kann ein Student ganz nebenbei den Generationenkonflikt lösen?

Wie ist das mit der heutigen „Geiz-ist-geil-Mentalität“? Alles schneller, alles besser, alles neu – ein rasanter Fortschritt, der scheinbar grenzenlose neue Möglichkeiten bietet. Wo bleibt Zeit für das Christianum, wo findet sich Zeit für eine generationenübergreifende Freundschaft – muss dies zu Gunsten einer Karriere aufgegeben werden?

Werte Corona, ich frage, was hält heute noch ewig? Ein Fernseher? Ein Kleidungsstück? Ein Koffer?

Wie passt das heutzutage noch zum Wingolf? Für was steht der Wingolf? Ist die heutige Zeit noch mit dem, was der Wingolf verkörpert, vereinbar? Mit unseren überlieferten, gewachsenen Traditionen? Passen diese noch in unsere „aufgeklärte“ Welt?

Für einen Außenstehenden mögen unsere Kneipen, unsere Tradition, unser Verhalten befremdlich wirken. Setzt man sich aber mit dem was den Wingolf ausmacht näher auseinander, erscheinen die Ergebnisse umso erstaunlicher.

Allein unser verblüffend einfacher Wahlspruch „Di henos panta – Durch einen – Jesus Christus – alles“ bietet die Grundlage für beinahe 170 Jahre Wingolfbund. Aus diesem Prinzip entwickelten sich weitere Werte.

Das Christianum findet sich nicht nur als wesentlicher Bestandteil in unserer Verbindung. Weit über die Grenzen unserer Verbindung und über Österreich hinaus, in einem vereinten Europa, hat das Christianum seinen festen Platz erhalten. Entgegen der allgemeinen Tendenz aus der Kirche auszutreten, hat es der Wingolf zu Wien in wenigen Semestern geschafft, zwei Füchse zum christlichen Glauben durch eine Taufe zu führen und zu begleiten. Auch eine Firmung durfte der Wingolf zu Wien mit einem Bundesbruder gemeinsam feiern.

Während andere Teile der Gesellschaft mit dem Generationenvertrag hadern, ist es im Wingolfbund selbstverständlich, dass das Lebensbundprinzip von allen Bundesbrüdern aktiv gelebt wird. Wo sonst findet sich ein junger Aktiver vertieft in ein Gespräch mit einem deutlich älteren Philister? Wo sonst findet solch ein intensiver Austausch, eine Hilfestellung in allen Lebenslagen statt, als in einer studentischen Verbindung? Wo findet außerhalb der studentischen Verbindungen eine harmonische generationenübergreifende Freundschaft statt, die auf Gegenseitigkeit beruht? Wo sonst findet ein Austausch statt, von dem vorbehaltlos jede Generation profitiert? Wo werden Individuen akzeptiert, wie unterschiedlich auch ihre Charaktere, ihre Ansichten sind?

Aus meiner Sicht bietet der Wingolf, im speziellen der Wingolf zu Wien, weit mehr. Die Universitäten verkommen zu stupiden Lehranstalten, die persönliche Entwicklung der Individuen wird nicht gefördert, schon gar nicht gefordert. Genau hier nimmt sich der Wingolf in die Pflicht. Der Wingolf hat es sich zur Aufgabe gemacht seine Mitglieder zu Persönlichkeiten auszubilden, die geprägt von christlichen Grundsätzen, ihre Meinung vertreten, aus der Menge herausstechen. Gesellschaftlich wie auch wissenschaftlich sich gegenüber der breiten Masse herauskristallisieren. Der Wingolf übernimmt durch den Zusammenschluss zu einer Lebensgemeinschaft Aufgaben, die die Bildungseinrichtungen nicht mehr vermitteln können. Er wird somit zu einem wichtigen Bestandteil der eigenen persönlichen Entwicklung. Nicht nur auf den universitären Sektor macht sich diese Hilfestellung bemerkbar, sondern auch in der Erziehung untereinander.

Aus dem Wingolf zu Wien ist eine Einheit geworden die im Wingolfsbund sehr hohes Ansehen genießt. Trotz der weiten Anreise fanden sich beim Wartburgfest über 30 Wiener Bandträger ein. Lob und Anerkennung wurde uns aus allen Teilen des Bundes angetragen, für den jüngsten Aktiven bis hin zum ältesten Philister. Dies zeigt, dass die harte Arbeit welche über Semester hinweg von allen Beteiligten geleistet worden ist, Früchte trägt. Früchte trägt diese Arbeit auch im Interkorporativen Leben vor Ort. Kaum eine Verbindung kann stolzer auf ihren hervorragend ausgebildeten und großen Fuchsenstall sein. Kaum eine Verbindung kann mit dem schneidigen Auftreten der Aktivitas konkurrieren. Die wenigsten Verbindungen verfügen über eine vergleichbar eifrige Philisterschaft.

Gewachsen aus Traditionen, hat sich hier etwas Besonderes entwickelt. Der Wingolf zu Wien versteht es wie kaum eine andere Verbindung vor Ort, den Spagat zwischen den überlieferten Traditionen, dem Commet, den ernsthaften Veranstaltungen und den neuzeitlichen Errungenschaften, den freudig frivolen Veranstaltungen zu meistern. Der Wingolf zu Wien versteht sich im Feiern nach der Art, wie schon vor Jahrzehnten gefeiert wurde, ebenso sicher zu bewegen, wie im täglichen Leben und im Umgang mit der heutigen Gesellschaft.

Der Wingolf zu Wien bietet einen Mehrwert, der sich aus Traditionen entwickelt hat, sich aber nicht vor Neuerungen verschließt. Natürlich ergibt sich dieser Mehrwert nicht allein aus der anteilslosen Teilnahme am Verbindungsleben, vielmehr müssen die vorhandenen Angebote genutzt werden. Ohne eigenen Einsatz, ohne das tägliche Arbeiten an sich selbst in allen Bereichen, ohne das persönliche Engagement von Allen, kann sich kein Mehrwert ergeben.

Selbstverständlich muss dafür Zeit aufgewendet werden, Zeit mühsam erarbeitet werden um die vorhandenen Angebote zu nutzen.

Zeit gefunden werden als junger Aktiver sich auf der Bude vom Alltag zu erholen. Sich vom universitären Stress eine Lernpause zu genehmigen im Kreise der Bundesbrüder. Entspannung zu finden als ein im Berufsleben stehender Philister. Sich von den täglichen Anforderungen im Arbeitsleben zu entspannen.

Meiner Meinung nach bietet sich die Verbindung als ein Ort mit Gleichgesinnten, wie kein anderer an. Wo sonst kann man losgelöst von den meisten Zwängen ungebunden bei einem Bier vom Alltag abschalten und in eine andere Welt abtauchen? Wo sonst kann man sich gewiss sein, stets wahre, die Zeit überdauernde, alte und neue Freundschaften zu schließen?

Werte Corona, ich vermag nicht zu sagen was heutzutage ewig hält. Eines kann ich jedoch nach meiner bisherigen Zeit im Wingolf sagen: unsere Freundschaft, unser Lebensbundprinzip, unsere Bundesbrüderlichkeit, unser Band – all diese Dinge überdauern die Zeit.

Schließen möchte ich meine Rede mit folgendem Zitat des Wingolfiten Paul Tillich in einem Brief an Thomas Mann:

„Was ich theologisch, philosophisch und menschlich geworden bin, verdanke ich nur zum Teil den Professoren, in überragendem Maße dagegen der Verbindung, wo die theologischen und philosophischen Debatten nach Mitternacht und die persönlichen Gespräche vor Sonnenaufgang für das ganze Leben entscheidend blieben. Musik spielte dabei eine große Rolle und das romantische Verhältnis zur Natur […] verdanke ich vor allem den Wanderungen durch Thüringen und zur Wartburg in jenen Jahren, in Gemeinschaft mit den Verbindungsbrüdern.“

A.S. Wi07

Grundfeste oder Fähnlein im Wind

Einige Überlegungen zur Bedeutung des Christianums

Tatort Burschenprüfung: Auf die Frage nach den Prinzipien des Wingolfs kommt prompt die Antwort: „Corporativum und Christianum“ (vermutlich in genau dieser Reihenfolge). Auf die Nachfrage der Bedeutung zählt der Prüfling – wie aus der Pistole geschossen – die wenigen Zeilen aus dem Fuchsenskript auf. Und Schluss. Infolge wird der Prüfling zu denen gehören, die eben diese Prinzipien inhaltlich füllen und ausgestalten sollen.
Und genau ab diesem Zeitpunkt stellen sich so manche Probleme ein. Das Corporativum ist aufgrund der traditionellen Formen schnell verstanden und praktiziert. Mit dem Christianum ergeben sich allerdings eine Vielzahl von Problemen. Seit Jahrzehnten bzw. vielen Wingolfsgenerationen sind Diskussionen ums Christianum ein Fixpunkt im Verbindungsalltag. Während frühere Generationen meist ums Wie diskutierten, gesellt sich in jüngerer Zeit vermehrt die Frage nach dem Ob hinzu. Dieser Diskussionsstand wird besonders durch die Tatsache verstärkt, dass im Kernland des Wingolfs, Deutschland, in Folge der Wiedervereinigung die Zahl der getauften Christen massiv gesunken ist und sich die Frage stellt, wie mit Interessenten ohne christlichen Hintergrund umzugehen sei. Weiters drängt sich natürlich das Unbehagen so mancher auf, das durch die immer stärkere Kirchenverdrossenheit heutzutage offensichtlich weitverbreitet ist. So wird es im ersten Moment nicht weiter verwundern, wenn Aktive sich beklagen, dass es immer schwieriger wird, Leute vom Christianum zu überzeugen. Andererseits muss ich doch einige Zweifel an dieser „Notlage“ äußern, wenn solche Klagen beim Wingolf zu Wien geäußert werden. Ist doch Österreich nach wie vor eines der Länder der EU mit einer enorm hohen Zahl an getauften Christen.
Wie bei einigen anderen Verbindungen ist auch im Wingolf zu Wien die Mitgliedschaft in einer staatlich anerkannten christlichen Religionsgemeinschaft (nicht unbedingt eine der großen Kirchen) eine Grundbedingung für die Aufnahme als Vollmitglied (d.h. Burschung). Wir sprechen hier also mit Fug und Recht von einem getauften Christen, also weniger charmant ausgedrückt Taufscheinchristen. Die Bezeichnung „Taufscheinchrist“ weist auch schon den Weg in die weitere Problematik. „Taufscheinchristen“ ist mittlerweile eine gängige Bezeichnung für Menschen, die bloß noch auf dem Papier als Angehörige des Christentums sehen. Aber solche „Christen“ haben wir doch im Wingolf keine, oder?
Ein Blick in die Tradition und auf diverse sehr leidenschaftliche Beiträge besonders von Philisterseite mag die vorherige Aussage bestätigen. Wirft man jedoch einen Blick auf den Alltag der vielen so verschiedenen Wingolfsverbindungen, für die aber das Christianum eine der wenigen einenden Konstanten ist, ernüchtert man zusehends. Weder in Programmen noch im Alltag findet sich allzu häufig ein klares Bekenntnis in diese Richtung, ganz im Gegenteil hat man oft den Eindruck, dass besonders die Auseinandersetzung mit dem Christianum eine lästige Pflicht ist. Alte Tugenden, wie eigenständige und gemeinsame Beschäftigung, inhaltliche Diskussionen und gemeinsames Glaubensleben, wird man in der heutigen Zeit wohl vergeblich suchen. Solche Dinge wirken aber auch dem Zeitgeist allzu fremd. Jedoch sollten wir eines nicht vergessen: Das meiste, was Wingolf ausmacht – man denke beispielsweise nur an ortsübergreifende Bundesbrüderlichkeit und Ablehnung der Mensur – entstammt genau dieser ernsthaften und tiefgehenden Auseinandersetzung mit dem Christianum, die wir heute teilweise vermissen.
Ein Rest der christlichen Grundüberzeugungen wird aber vermehrt als eigentlich zeitgemäße Anwendung des Christianums verlangt, nämlich die Übereinstimmung mit christlichen Werten. Der Wingolf sozusagen als Wertegemeinschaft – von der Gemeinschaft der „Taufscheinchristen“ zu der der „Gesinnungschristen“. Die tiefere Bedeutung von christlichen Werten kann sich mir jedoch nicht erschließen. In jeder der verschiedenen christlichen Denominationen gibt es unterschiedliche Wertvorstellungen. Sind die christlichen Werte, denen einen Wingolfit zustimmen solle, Grundüberzeugungen der heutigen Gutmenschen, konservative katholische Weltanschauungen, evangelikale Weltmissionsideen oder was sonst?
So schwierig es in der heutigen Zeit auch sein mag, so ist das gemeinsame Bekenntnis zu Jesus Christus, dem einen Sohn Gottes, eine entschieden tragfähigere Basis, als ein nicht näher zu umreißendes, zeitbedingtes Wertekonstrukt. Die aktuelle Herausforderung für den Wingolf sollte man nicht darin sehen, sich dem unsäglichen Zeitgeist anzupassen, sondern – oft auch gegen den Zeitgeist – gemeinsam mit den Brüdern den Weg vom Taufscheinchristen zum Wingolfiten, den eben mehr ausmacht, zu gehen. Dieser Weg ist dann auch für den einzelnen ebenso wie für die Gemeinschaft gewinnbringend und kann als gelebtes Christentum in der gewohnten Meinungsvielfalt sehr wohl beträchtlich zur Attraktivität des Wingolfs beitragen. Selbstverständlich ist dies keine Kleinigkeit, aber für mich bei weitem lohnender als eine vielen Beliebigkeiten unterworfene Wertegemeinschaft, die mehr von einer politischen, immer um möglichst modernen Stimmenfang bemühten Partei hat als von dem Bruderbund, in den ich hineingewachsen bin.
Das Christianum ist und bleibt die Grundfeste des Wingolfs – durch die Zeiten und durch die Generationen – und kein Fähnlein, das wir beliebig in den Wind hängen.

M.L. Wi95

Menschen die (Österreich) bewegen

ÖFB Teamchef Didi Constantini, Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft DI Nikolaus Berlakovich, Trägerin des Weltmenschpreises 2007 Ute Bock, Bischof der evangelischen Kirche A.B. in Österreich Hon.-Prof. Dr. Michael Bünker, Mag. Dr. Andreas Unterberger – was auf den ersten oder zweiten Blick ein Querschnitt durch die landesweiten Nachrichten sein könnte ist ein Rückblick auf die letzten beiden Semester des Wingolf zu Wien.
Angetrieben von dem Ehrgeiz das beste Semesterprogramm (nicht nur) in Wien zu bieten, wurde eine Arbeitsgruppe mit 8 Wiener Bundesbrüder eingesetzt, die das Thesenpapier aus dem Bund als Grundlage für ihre Arbeit nutzten. Ein gewöhnliches 08/15 Semesterprogramm wollten wir nicht mehr bieten. Daher wurde im Sommersemester 2009 die Grundlage für unser damaliges Jahresthema „Menschen die Österreich bewegen“ gelegt.

Als ein Ergebnis der Arbeitsgruppe konnten vielfältige Vorschläge für ein ausgewogenes Programm präsentiert werden, inhaltlich ansprechend für alle Bundesbrüder.

Ein Ziel sollte neben abwechslungs-reichen Veranstaltungen auch die persönliche Weiterbildung des Einzelnen sein, der berühmte Blick über den Tellerrand des Studiums hinaus.

Jede einzelne Veranstaltung war ein voller Erfolg. Ob es eine ungezwungene Diskussion über die (ausbleibenden) Erfolge der österreichischen Fußballnationalmannschaft war, oder ob sich Profi-Fußballer von den Fangesängen ablenken lassen, oder es sie antreibt, wie man überhaupt Nationaltrainer wird – keine Frage blieb an diesem Abend offen.

Ebenso lies es sich Kartellbruder Umweltminister Niki Berlakovich nicht nehmen zum „Minister im Gespräch“ mit anschließendem Martiniganslessen in Couleur zu erscheinen und beantwortete trotz seiner knapp bemessenen Zeit Fragen, mit denen er so wohl noch in keiner Pressekonferenz konfrontiert worden war.

Bei den Worten Wirtschaftskrise, Banken-Bankrott und faulen Krediten stieß der Vortrag zu „Fusionen und Übernahmen“ (Mergers & Acquisitions) von Unternehmen auf offene Ohren. Jeder kennt diese Wörter, aber was wie eine Unternehmensübernahme, teils auch feindliche Übernahme, wirklich ist, wie sie funktioniert, davon hatten die wenigsten eine Ahnung. Der Dozent verstand es den komplexen Stoff seiner Vorlesungen, auch mit seinem breiten Wissen aus der Praxis, sehr anschaulich und leicht verständlich zu übermitteln.
Ernster wurde es beim Thema von Ute Bock, die uns schonungslos die Situation von Einwanderern aus allen Erdteilen, (Kriegs-)Flüchtlingen, Verfolgten aller Art oder Asylbewerbern schilderte. Unbegreifliche Schicksale wurden detailliert geschildert, die man eher aus einem diktatorischen oder sonst niedergebeuteltem Land gewohnt wäre, aber nicht von einem so reichen Land wie Österreich. Kaum einen der Zuhörer ließen die teils menschenunwürdigen Bedingungen kalt. Am Ende des Abends wurden 300 Euro gespendet.

Die österreichische Innenpolitik der letzten 10 Jahre nahmen wir gemeinsam mit Andreas Unterberger unter die Lupe. Als ehemaliger Chefredakteur der “Wiener Zeitung” wie von “Die Presse” bot er uns einen umfangreichen Einblick und es entwickelte sich eine vortreffliche Diskussion. Wie kaum ein anderer Vortragender schaffte er es uns mit seinen interessanten Ansichten, Erfahrungen und Berichten in seinen Bann zu ziehen.

Bei manchen Verbindung fristet das Thema Christianum ein Schattendasein. Um so mehr erfreute die Resonanz der Bundesbrüder, die Bischof Bünker auf die Bude locken konnte. Beinahe 40 Zuhörer lauschten gebannt den Ausführungen von Bischof Bünker zu verschiedenen christlichen Themen. Auch kritische Nachfragen zur evangelischen Kirche, der schwindenden Anzahl der Gläubigen, mangelhaft ausgebildete Pfarrer, oder der ökumenischen Zusammenarbeit wurden in einem gemeinsamen Dialog für alle Beteiligten zu einem spannenden Abend.

Abgerundet wurden die Semester-programme durch Programmpunkte wie Rhetorik Seminare von Semtool, ein Vortrag zum Thema „Umstände und Zustände in der Wirtschaft“ von Phil. Schranz – Brigadier a.D. -, ein Besuch der Generalprobe für das Weihnachtsoratorium von J.S.Bach mit Bass-Solist Phil. Müller-Brachmann Fr.93, Phil-x Weinhofer legte uns literarische Meisterwerke ans Herz, Phil. Krems den Jakobsweg und unseren Wingolf im dritten Reich. Weitere heitere Stunden brachten die Abende mit unseren Philistern Holzer und Kühnert, sowie Leitner und Kainz die viele Anekdoten über ihre Aktivenzeit erzählten.
Nach nunmehr zwei Semestern können wir ein erstes Resümee ziehen. In Zeiten der Bologna-Universitätskultur, steigenden Kosten die (noch mehr) Nebenjobs bedeuten, konnten wir die knapp bemessene Freizeit nicht nur im Kreise unserer Bundesbrüder verbringen. Wir haben es als kleine Verbindung in Wien geschafft, unsere knappe Freizeit abseits der Stafettentische sinnvoll zu nutzen und unseren Blick über den Horizont hinaus, auch für nicht alltägliche Probleme, zu öffnen.

Aus Sicht der Semesterplaner, wie auch aus Sicht der damaligen Arbeitsgruppe, ist unser erarbeitetes Konzept zu unserer vollsten Zufriedenheit aufgegangen.

Wir dürfen somit auf die nächsten Semester gespannt sein, welche hochkarätigen Gäste wir wieder zu uns auf die Bude locken können.

A.S. Wi07

Gemeinsames Blutspenden

Am 28. November 2009 stand im Semesterprogramm groß angekündigt „Gemeinsames Blutspenden“. Und da ich in Deutschland schon über 60 Mal war, dachte ich mir, es wäre sicher gut, wenn auch ein Philister mitginge, auch um zu zeigen, für wie sinnvoll ich eine solche Aktion erachte; einerseits kann man relativ einfach Menschen helfen, andererseits wird das eigene Blut beständig überwacht und man verliert, zumindest kurzfristig, ein halbes Kilo Körpergewicht.

Die Teilnehmer waren der Hohe Senior, Bbr. Lukas Schopp, Bbr. Alex Putz, Bbr. Peter Steindl, Cph. Philipp Pirkl, und ich. Es hieße lügen, wenn ich bei der Größe der Aktivitas dies ein befriedigendes Ergebnis nennen sollte. Diplomatisch könnte ich eventuell von „ausbaufähiger Teilnahme“ sprechen.

Wir spendeten Blut und hatten unseren Spaß, auch als es im Anschluss noch ein kleines Mahl gab, zusammen mit einer Unterhaltung mit dem Chef der örtlichen Blutspende-Zentrale.

Nachdem wir dann die Blutspendezentrale verließen, war uns noch nach einem kleinen Bier, und es war klar, dass dies auf der Etage passieren sollte.

Zu unserer Verwunderung war die Haustür nicht abgeschlossen, es brannte Licht und es waren deutlich Stimmen zu hören. Bei näherer Vergewisserung stellte sich heraus, dass einige Brüder und Gäste eine Privat-Party dort veranstalteten.

Ich war, wie auch der Rest der Blutspender, sehr verärgert. Aber Verärgerung allein ist kein Mittel der Besserung und in so weit freue ich mich auf viele weitere gemeinsame Blutspendetermine und viele zukünftige Erstspender, die ich zu jedem Termin extra einladen und begleiten werde…

Sebastian Krems W99, L08, Wi09

Die Studienkommission

Bereits im vergangenen Studienjahr kamen Aktivitas und Philisterschaft darin überein, der Aktivitas eine Studienkommission, bestehend aus jew-eils zwei Vertretern beiseite zu stellen. Bei dem Gremium einer Studienkommission handelt es sich um ein auch schon bei anderen Korporationen bewährtes Instrument. Ihre Aufgabe besteht darin, den Studienerfolg der aktiven Bundesbrüder zu beobachten und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung für den WzWi lässt sich unterschiedlich begründen. Bereits das Grundverständnis des WzWi als akademische Korporation legt nahe, dass von den Mitgliedern ein entsprechender Studienerfolg, d.h. eine Laufbahn als Akademiker, zu erwarten sei. Es muss wohl nicht weiter erklärt werden, dass aus verschiedensten Gründen der Studienerfolg ins Stocken, wenn nicht sogar zum Stillstand kommen kann. Eine solche Entwicklung kann nicht nur Konsequenzen für den WzWi haben, sondern kann in ihm auch seine Begründung finden und daher den Lebensplan unserer Mitglieder schwer beeinträchtigen. Darüber hinaus sollte auch der Einfluss des Studienfortganges für unseren Verbindungsbetrieb nicht unterschätzt werden. Es ist daher ein strukturelles Muss die Leistungen unserer Aktiven im Auge zu behalten.

Außerdem sind wir aufgrund unseres Selbstverständnisses als Lebensbund dazu verpflichtet, ein Auge auf die Lebensplanung und die Karriere unserer Mitglieder zu werfen und sie hierbei nach Kräften zu unterstützen. Daher ist es notwendig die Situationen im Leben unserer Brüder zu erkennen und anzusprechen, in denen sich der Wingolf zurücknehmen sollte bzw. in denen sie den Wingolf Wingolf sein lassen sollten, um weiterhin einen möglichst reibungslosen Verbindungsalltag zu gewährleisten. Auch wenn der Wingolf nur sehr selten der ausschließliche Grund für Probleme im Studienfortschritt ist, sondern einer von vielen, so liegt es doch in unserer Macht, diesen einen Punkt zu beeinflussen.

Die Vorgehensweise dieser Kommission lässt sich wie folgt beschreiben: Grundsätzlich sind wir auf die Kooperation der Aktiven angewiesen, indem sie uns mit ihren Sammelzeugnissen und Studienplänen versorgen. Diese werden dann von uns eingehend geprüft.

Als Maßstab für eine solche Prüfung dienen die mit dem Bologna-Prozess eingeführten ECTS (European Credit Transfer and Accumulation System)- Punkte. Der Bologna-Prozess selbst sollte eine Revolution des akademischen Bildungssystems im Europaraum darstellen. Hierzu wurden eine Stufung der Studien in die Einzelabschlüsse Bachelor und Master und die Modularisierung der Studien, also eine Bündelung der Lehrveranstaltung in Sinneinheiten im Gegenüber zu Einzellehrveranstaltungen, eingeführt.

Um die internationale Vergleichbarkeit und Mobilität zu vereinfachen wurde dieser um das bereits erwähnte ECTS-System erweitert. Die ECTS-Punkte sollen die jeweiligen erbrachten Leistungen widerspiegeln und im Sinne einer europäischen Bildungswährung transparenter und vergleichbar machen. Für das Bakkalaureatsstudium werden in diesem System 180 ECTS, für den Master 120 ECTS veranschlagt. Die Mindestdauer liegt bei sechs bzw. vier Semestern, was wiederum eine zu leistende Punktezahl von 30 ECTS pro Semester ergibt. Folglich wäre ein Studienerfolg von 30 ECTS pro Semester wünschenswert. (Über die große Problematik des Bologna- Prozesses werden wir hoffentlich in einer der Folgeausgaben der Luginsland berichten können).

Nach der Durchsicht und Prüfung des Studienerfolges unserer Bundesbrüder bitten wir sie dann je nach Bedarf zu Einzelgesprächen, um ihren Studienerfolg zu besprechen und die weitere Vorgehensweise bzw. auch eine innerwingolfitische Hilfestellung zu beratschlagen. Durch diese Maßnahmen hoffen wir, in aller Bundesbrüderlichkeit den Lebensbund Wingolf für den akademischen Werdegang unserer Mitglieder und dadurch auch für die Qualität unserer Gemeinschaft fruchtbar machen zu können.

M.L. Wi95

72.Wartburgfest des Wingolf

Für einige Wiener Wingolfiten und auch für mich begann das Wartburgfest schon ein paar Tage früher, denn wir nutzten die Anreise für einige Couleurbesuche unserer Bundesbrüder in Deutschland. So hatte die „Vorhut“ auch das Vergnügen von der Chattia zu Würzburg und dem Erfurter Wingolf Georgia empfangen zu werden. Am Mittwoch war bereits das erste Highlight auf unserer Liste, der schon zur Tradition gewordene Begrüßungsabend bei unserem Phil. Hermann Sitz auf seinem Familienanwesen in Atzmannsdorf bei Erfurt. Nach einer Führung und dem einen oder anderen Begrüßungsbier mit den eintreffenden Bundesbrüdern aus Wien, Heidelberg und Erfurt wurde uns ein herrliches Buffet und das Beste vom Grill aufgetischt. Nachdem wir uns gestärkt hatten, schlugen wir natürlich eine Ex-Kneipe bei der herzlich gesungen und Präsente ausgetauscht wurden. Hier war dann auch der geeignete Zeitpunkt, die schöne Tradition der Deckeltaufe an meinem Confux Drewes und mir zu vollziehen.

Obwohl wir bis weit in die Nacht feierten, standen wir rechtzeitig auf, um unsere letzten, gerade aus Wien eingetroffenen Bundesbrüder zu begrüßen. Nach einem kräftigen Frühstück machten wir uns gemeinsam auf den Weg nach Eisenach. Dort zogen wir dann als rot-weiß-grünes Fahnenmeer ein und fuhren sofort zum Festbüro um unsere WBF-Abzeichen abzuholen. Anschließend bezogen wir unsere Quartiere und machten uns für den Aufstieg zur Wartburg fertig. Aus Zeitgründen konnten wir leider nicht an der Gedenkfeier für unseren im KZ Buchwald umgekommenen Bbr Paul Schneider teilnehmen. Um 17 Uhr nahmen die Chargierten bei der Eselstation Aufstellung und machten sich bereit den Weg bis zum Innenhof der geschichtsträchtigen Wartburg zu erklimmen. Dieses Jahr hatte ich die Ehre der Fahnenfux für den Aufstieg zu sein, was für mich ein ganz besonderer und unvergesslicher Moment in meinem noch sehr jungen Verbindungsleben war. Bevor wir uns allerdings in Bewegung setzten, meldete sich der Wettergott mit einem sinnflutartigen Regenguss mit Hagel. Genauso schnell wie er gekommen war, hörte er wieder auf, so dass wir total durchnässt aber pünktlich zum geplanten Aufstieg starten konnten. Im Innenhof angekommen, nahmen dann die Fahnenträger und die Chargierten nach Anweisung Aufstellung und der festliche Akt zum 72. WBF begann mit der Begrüßung der Bundeschargen und des VAW-x und endete mit dem traditionellen Gruppenfoto.

Danach machten wir uns wieder nach Eisenach auf und ließen dann den Abend im Augustiner Keller, unserem Couleurlokal, mit einem gemeinsamen Essen und einer Ex-Kneipe ausklingen. Der Freitag begann für mich mit der ernsten Feier in der Eisenacher Georgenkirche. Sehr beeindruckend war für mich, als neu gewonnenes Verbindungsmitglied, der Einmarsch auch hier wieder von den Chargierten unserer verschiedenen Verbindungen im Bund. Daran schloss sich eine, für meinen Geschmack hervorragend gehaltene Dialogpredigt von Pfarrer Wagner und Niekel, die die Probleme zwischen der Freiheit und der Verantwortung in Bezug auf unseren Wahlspruch „Di henos Panta“ thematisierten. Im Anschluss marschierten wir Wingolfiten zum Wingolfsdenkmal am Pfarrberg. Wo wir unseren Toten und Opfern von Gewaltherrschaften und Kriegen gedachten.

Um 20 Uhr sollte dann mein persönlicher Höhepunkt und auch der des gesamten Wartburgfestes folgen, der Festkommers. Da ich als Fahnenfux eingeteilt wurde war ich natürlich besonders aufgeregt, vor allem da jeder unserer Wiener Bundesbrüder seine eigene perfekte Idee davon hatte, wie ich denn die Fahne zu halten habe. Mit ein wenig Verspätung ging es dann los und unter ausrufen der Verbindungsnamen marschierte die jeweiligen ein, wobei sich die Bundesbrüder die schon in der Halle saßen beim Ausruf Ihre Verbindung lautstark bemerkbar machten. Nachdem die Chargierten auf Ihren Plätzen eingetroffen waren, sang die Festcorona ein donnerndes „Argentina“.

Nach verschiedenen ausgesprochenen Glückwünschen, Reden und Ansprachen, begann der Auszug. Bei welchem unser Wingolf zu Wien einmal mehr sein schneidiges und steiles Auftreten unter Beweis stellte. Kaum zogen wir, ich mit der Fahne voran, gefolgt von unseren Chargierten, am grünen Zapfen unserer Bundesbrüder vorbei, flogen auch schon die Papierschnipsel unter dem lauten Getöse der Wiener Wingolfiten und kurzer Hand später befand sich unser Senior auf den Schultern von zwei Bundesbrüdern und so zogen wir unter den blicken der gesamten Corona aus und von dannen. Ich für meinen Teil habe noch nie etwas Beeindruckenderes erlebt. Im Anschluss fand die Burschenfeier statt, die ich von der Tribüne aus beobachtete und mir klar wurde, dass ich tatsächlich einen Lebensbund eingegangen war und wie stolz ich war und bin: Ein Wiener Wingolfit zu sein. Am Storchenfest klang der aufregende Tag aus…

Samstagvormittag trafen wir uns, um geschlossen das Burschenschafterdenkmal zu besichtigen und mit dem Hintergrund der Wartburg das so eine und andere schöne Foto zu schießen. Auch einen Eselsritt zur Wartburg mit anschließender Besichtigung bzw. Gesangseinlagen auf dem Wartburgturm inkludierten wir in unseren Ausflug, bevor wir das Konzert des Leipziger Streichquartetts um 16.00 Uhr in der Georgenkirche verfolgten. Jetzt neigte sich der mehrtägige Ausflug in die Welt der Studentenverbindung, des brüderlichen Umgangs und des familiären Zusammensitzens, als auch dem des Generationenaustausches und dem des Kennenlernens vieler neuer interessanter Persönlichkeiten, leider dem Ende…

Johann Philipp-Felix Buchholtz Wi09