Wingolfspauke zum 81.Stiftungsfest

Werte Kommerscorona, es steigt die Wingolfspauke.

Lange habe ich überlegt, was könnte ich euch als Pauke darbieten? Welches Thema anschneiden das nicht bereits mehrfach gebraucht wurde? Mehrere Male habe ich die Pauke umgeschrieben um ein Thema mit Inhalt zu finden.

Was ist eine Pauke? Was ist der Wingolf? Woher nimmt der Wingolf seine Existenzberechtigung?

Ist der Wingolf ein kostspieliges Hobby? Ein zeitraubender Klotz am Bein? Schädlich für die Gesundheit? Hinderlich am und im Studium? Etwa gar ein Deckmantel, ein Vorwand für ungezügelten Alkoholkonsum?

Werte Corona, in der heutigen Zeit darf man sich durchaus fragen: Ist der Wingolf noch zeitgemäß oder hat er sich selbst überlebt?

Landauf landab ist die Wirtschaftskrise spürbar. Beinahe täglich neue Meldungen über aberwitzige Summen zur Rettung maroder Banken und Unternehmen. Eine nachhaltige Besserung in nächster Zeit ist nicht in Sicht.

Der Bologna-Prozess hat die einstige wissenschaftliche Einrichtung Universität zu einer besseren Schule verkommen lassen. Arbeitsüberlastung der Studierenden, Frust im Studium, verkürzte Studienzeiten bei gleichem Stundenaufwand – Interessen des Marktes dominieren das Bild. Die eigentliche Bildung des Einzelnen verkümmert, scheint lediglich ein Nebeneffekt zu sein. Woher bekommt ein Student die von der Arbeitswelt geforderten Social Skills? Wie kann ein Student in so kurzer Zeit ein überdurchschnittliches Studium absolvieren? Wie Praktika Erfahrung sammeln? Wann die geforderte Auslandserfahrung?

Hat ein Student nicht bereits genug mit seinem Lebensunterhalt zu kämpfen? Hat ein Student nicht bereits zu viele Sorgenfalten von undurchsichtigen Prüfungen, Prüfungsordnungen, den Anforderungen der Dozenten?

Wie soll ein Student bei all diesen Problemen zu dem werden, was die Gesellschaft fordert? Wie soll ein Student zur zukünftigen geistigen Elite des Landes gehören, wenn kaum Zeit neben dem Studium zur persönlichen Entfaltung bleibt? Wie kann ein Student ganz nebenbei den Generationenkonflikt lösen?

Wie ist das mit der heutigen „Geiz-ist-geil-Mentalität“? Alles schneller, alles besser, alles neu – ein rasanter Fortschritt, der scheinbar grenzenlose neue Möglichkeiten bietet. Wo bleibt Zeit für das Christianum, wo findet sich Zeit für eine generationenübergreifende Freundschaft – muss dies zu Gunsten einer Karriere aufgegeben werden?

Werte Corona, ich frage, was hält heute noch ewig? Ein Fernseher? Ein Kleidungsstück? Ein Koffer?

Wie passt das heutzutage noch zum Wingolf? Für was steht der Wingolf? Ist die heutige Zeit noch mit dem, was der Wingolf verkörpert, vereinbar? Mit unseren überlieferten, gewachsenen Traditionen? Passen diese noch in unsere „aufgeklärte“ Welt?

Für einen Außenstehenden mögen unsere Kneipen, unsere Tradition, unser Verhalten befremdlich wirken. Setzt man sich aber mit dem was den Wingolf ausmacht näher auseinander, erscheinen die Ergebnisse umso erstaunlicher.

Allein unser verblüffend einfacher Wahlspruch „Di henos panta – Durch einen – Jesus Christus – alles“ bietet die Grundlage für beinahe 170 Jahre Wingolfbund. Aus diesem Prinzip entwickelten sich weitere Werte.

Das Christianum findet sich nicht nur als wesentlicher Bestandteil in unserer Verbindung. Weit über die Grenzen unserer Verbindung und über Österreich hinaus, in einem vereinten Europa, hat das Christianum seinen festen Platz erhalten. Entgegen der allgemeinen Tendenz aus der Kirche auszutreten, hat es der Wingolf zu Wien in wenigen Semestern geschafft, zwei Füchse zum christlichen Glauben durch eine Taufe zu führen und zu begleiten. Auch eine Firmung durfte der Wingolf zu Wien mit einem Bundesbruder gemeinsam feiern.

Während andere Teile der Gesellschaft mit dem Generationenvertrag hadern, ist es im Wingolfbund selbstverständlich, dass das Lebensbundprinzip von allen Bundesbrüdern aktiv gelebt wird. Wo sonst findet sich ein junger Aktiver vertieft in ein Gespräch mit einem deutlich älteren Philister? Wo sonst findet solch ein intensiver Austausch, eine Hilfestellung in allen Lebenslagen statt, als in einer studentischen Verbindung? Wo findet außerhalb der studentischen Verbindungen eine harmonische generationenübergreifende Freundschaft statt, die auf Gegenseitigkeit beruht? Wo sonst findet ein Austausch statt, von dem vorbehaltlos jede Generation profitiert? Wo werden Individuen akzeptiert, wie unterschiedlich auch ihre Charaktere, ihre Ansichten sind?

Aus meiner Sicht bietet der Wingolf, im speziellen der Wingolf zu Wien, weit mehr. Die Universitäten verkommen zu stupiden Lehranstalten, die persönliche Entwicklung der Individuen wird nicht gefördert, schon gar nicht gefordert. Genau hier nimmt sich der Wingolf in die Pflicht. Der Wingolf hat es sich zur Aufgabe gemacht seine Mitglieder zu Persönlichkeiten auszubilden, die geprägt von christlichen Grundsätzen, ihre Meinung vertreten, aus der Menge herausstechen. Gesellschaftlich wie auch wissenschaftlich sich gegenüber der breiten Masse herauskristallisieren. Der Wingolf übernimmt durch den Zusammenschluss zu einer Lebensgemeinschaft Aufgaben, die die Bildungseinrichtungen nicht mehr vermitteln können. Er wird somit zu einem wichtigen Bestandteil der eigenen persönlichen Entwicklung. Nicht nur auf den universitären Sektor macht sich diese Hilfestellung bemerkbar, sondern auch in der Erziehung untereinander.

Aus dem Wingolf zu Wien ist eine Einheit geworden die im Wingolfsbund sehr hohes Ansehen genießt. Trotz der weiten Anreise fanden sich beim Wartburgfest über 30 Wiener Bandträger ein. Lob und Anerkennung wurde uns aus allen Teilen des Bundes angetragen, für den jüngsten Aktiven bis hin zum ältesten Philister. Dies zeigt, dass die harte Arbeit welche über Semester hinweg von allen Beteiligten geleistet worden ist, Früchte trägt. Früchte trägt diese Arbeit auch im Interkorporativen Leben vor Ort. Kaum eine Verbindung kann stolzer auf ihren hervorragend ausgebildeten und großen Fuchsenstall sein. Kaum eine Verbindung kann mit dem schneidigen Auftreten der Aktivitas konkurrieren. Die wenigsten Verbindungen verfügen über eine vergleichbar eifrige Philisterschaft.

Gewachsen aus Traditionen, hat sich hier etwas Besonderes entwickelt. Der Wingolf zu Wien versteht es wie kaum eine andere Verbindung vor Ort, den Spagat zwischen den überlieferten Traditionen, dem Commet, den ernsthaften Veranstaltungen und den neuzeitlichen Errungenschaften, den freudig frivolen Veranstaltungen zu meistern. Der Wingolf zu Wien versteht sich im Feiern nach der Art, wie schon vor Jahrzehnten gefeiert wurde, ebenso sicher zu bewegen, wie im täglichen Leben und im Umgang mit der heutigen Gesellschaft.

Der Wingolf zu Wien bietet einen Mehrwert, der sich aus Traditionen entwickelt hat, sich aber nicht vor Neuerungen verschließt. Natürlich ergibt sich dieser Mehrwert nicht allein aus der anteilslosen Teilnahme am Verbindungsleben, vielmehr müssen die vorhandenen Angebote genutzt werden. Ohne eigenen Einsatz, ohne das tägliche Arbeiten an sich selbst in allen Bereichen, ohne das persönliche Engagement von Allen, kann sich kein Mehrwert ergeben.

Selbstverständlich muss dafür Zeit aufgewendet werden, Zeit mühsam erarbeitet werden um die vorhandenen Angebote zu nutzen.

Zeit gefunden werden als junger Aktiver sich auf der Bude vom Alltag zu erholen. Sich vom universitären Stress eine Lernpause zu genehmigen im Kreise der Bundesbrüder. Entspannung zu finden als ein im Berufsleben stehender Philister. Sich von den täglichen Anforderungen im Arbeitsleben zu entspannen.

Meiner Meinung nach bietet sich die Verbindung als ein Ort mit Gleichgesinnten, wie kein anderer an. Wo sonst kann man losgelöst von den meisten Zwängen ungebunden bei einem Bier vom Alltag abschalten und in eine andere Welt abtauchen? Wo sonst kann man sich gewiss sein, stets wahre, die Zeit überdauernde, alte und neue Freundschaften zu schließen?

Werte Corona, ich vermag nicht zu sagen was heutzutage ewig hält. Eines kann ich jedoch nach meiner bisherigen Zeit im Wingolf sagen: unsere Freundschaft, unser Lebensbundprinzip, unsere Bundesbrüderlichkeit, unser Band – all diese Dinge überdauern die Zeit.

Schließen möchte ich meine Rede mit folgendem Zitat des Wingolfiten Paul Tillich in einem Brief an Thomas Mann:

„Was ich theologisch, philosophisch und menschlich geworden bin, verdanke ich nur zum Teil den Professoren, in überragendem Maße dagegen der Verbindung, wo die theologischen und philosophischen Debatten nach Mitternacht und die persönlichen Gespräche vor Sonnenaufgang für das ganze Leben entscheidend blieben. Musik spielte dabei eine große Rolle und das romantische Verhältnis zur Natur […] verdanke ich vor allem den Wanderungen durch Thüringen und zur Wartburg in jenen Jahren, in Gemeinschaft mit den Verbindungsbrüdern.“

A.S. Wi07

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