Die Deutschen und die Alpenrepublik

„Wir fallen uns um den Hals; der Kollege Rippel, der Diplom-Ingenieur Posch – wir busseln uns ab. … Warten’s no a bisserl; dann können wir uns vielleicht ein Vierterl genehmigen. Burschen, jetzt follts net um hinten. . . . Iwer` narrisch!“ – Mit diesen legendären Worten des Wiener Sport- und Rundfunkreporters Edi Finger ist wohl schon jeder in Österreich lebende Deutsche nichts ahnend in Kontakt gekommen. Spätestens, wenn beim gemütlichen Beisammensitzen die verstaubten VHS-Videokassetten mit der Aufschrift „CORDOBA 1978“ rausgekramt und mit höhnischem Lächeln eingelegt werden. Der damalige Triumph der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft über die deutsche Elf bei der WM in Argentinien trug wahrscheinlich mehr zur österreichischen Identität bei, als so manches andere Großereignis der Zweiten Republik.

Dabei können Deutsche und Österreicher auf eine über Jahrhunderte gewachsene gemeinsame Kultur und Geschichte zurückblicken! Aus österreichischer Sicht kamen sich die deutschen Länder im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation besonders nahe, bis die noch heute spürbare Zäsur des Bruderkrieges von 1866 und die deutsche Reichsgründung Preußen zur deutschen Vormacht werden ließ. Auch wenn Otto von Bismarck damals eine kleindeutsche Lösung durchsetzte, hatte für ihn die Partnerschaft zwischen den beiden deutschen Nachbarn höchste Bedeutung. Gegen Wilhelm I. verhinderte Bismarck eine preußische Siegesparade in Wien, damals drohte er sogar mit Selbstmord, und setzte dennoch einen der maßvollsten Friedensverträge durch, die jemals in Europa einen Krieg beendeten. Österreich sollte nicht gedemütigt werden!

Das folgende Bündnis zwischen dem neuen Deutschen Reich und der österreichischen Doppelmonarchie bescherte beiden Ländern 45 Jahre Frieden, bis die Tragödie des ersten Weltkriegs beide Kaiserreiche zerstörte. Das Verbot der Siegermächte verhinderte den österreichischen Anschluss an Deutschland, den Hitler dann 1938 vollzog. Ein Jahr später stürzte er die Welt in die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges.

Nach 1945 hoffte die junge österreichische Republik als „erstes Opfer“ der Mitschuld zu entgehen und betonte das Trennende gegenüber Deutschland, wies die meisten Deutschen aus und enteignete sie. Für die junge deutsche Bundesrepublik riss dann der Staatsvertrag von 1955 weitere Gräben auf, die nur langsam überbrückt werden konnten. Erst Tourismus und Wirtschaft brachten auf beiden Seiten wieder Annäherung und Zusammenarbeit.
Auch der Schmähbegriff „Piefke“ für die Norddeutschen wurde wiederbelebt, obwohl er im Berliner Biedermeier als Figur des deutschen Spießbürgers entstanden war. Seine Häme erhielt er jedoch erst nach 1866, als die katholisch-konservativen Eliten ihren Hass auf das siegreiche protestantische Preußen fokussierten.

Für Hubertus Godeysen, dessen Kulturgeschichte über den Piefke-Begriff 2010 erschien, gilt: “Für die Alpenrepublik seien die “Piefkes” nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, sie leisten auch einen wesentlichen Beitrag zur nationalen Identität. Denn nur durch das stolze Bewusstsein, kein ‘Piefke’ zu sein, ertragen die Österreicher den Verlust einstiger Weltgeltung und ihr ambivalentes Verhältnis zum großen Bruder.”

Je näher sich beide Länder wieder kamen, umso stärker betonte Österreich seine Eigenheiten. Sportliche Siege über Deutschland wurden zum nationalen Hochamt und Córdoba zur Revanche für Königgrätz. Dennoch erfreut sich die schöne Alpenrepublik bei seinen nördlichen Nachbarn höchster Beliebtheit, in jüngster Zeit nicht nur bei Touristen oder Geschäftspartnern, sondern auch für deutsche Einwohner.
Aus der Bildungsdebatte und den österreichischen Hörsälen sind die Deutschen nicht mehr wegzudenken, auch wenn sie vielfach als „Numerus Clausus Flüchtling“ oder „Studienplatzschmarotzer“ beschimpft werden. Die Nachbarn gehören zum Studienalltag wie die sich stapelnden Lehrbücher oder das Mensaessen. Doch findet man die Exil-Deutschen nicht nur im Studium, sondern schon fast in jeder Berufssparte – vom Caféhaus-Kellner bis zum Top-Manager.

Im Mai 2010 überraschte die Statistik Austria das Land sogar mit der Mitteilung, dass die Bundesrepublikaner die Liste der größten Zuwanderungsgruppe, aber auch das Ranking der ausländischen Straftäter anführten. Mit steigender Tendenz wohnten 138.225 Deutsche mittlerweile in der Alpenrepublik und lösten erstmals die Serben, Montenegriner und Kosovaren als stärkste Ausländergruppe ab. Böse Zungen sprechen bereits von den „neuen Tschuschen“, was im österreichischen Deutsch eine verächtliche Bezeichnung für die Angehörigen slawischer oder südosteuropäischer Völker bedeutet.
Doch die Deutschen werden in Österreich durchaus mit Wohlwollen willkommen geheißen. So stellte die Boulevard-Zeitung „Österreich“ unter der Überschrift „Piefkes sind die neuen Ösis“ lobend fest: „Österreich wächst – dank der Deutschen“. Und wenn man einer BBC-Studie glauben darf, so gehört Deutschland mit 59% sogar zum beliebtesten Land vor Kanada und den anderen EU-Ländern.

Begreifen wir das gemeinsame Zusammenleben, Arbeiten und Studieren als Chance, um uns einander besser kennen und schätzen zu lernen, so lösen sich schnell gegenseitige Vorurteile auf und tradierte Verhaltensmuster erweisen sich als überholt. Europa wächst zusammen und das Trennende verbaut nur die gemeinsame Zukunft!

Johann-Philipp Buchholtz Wi09 xx

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