Grundfeste oder Fähnlein im Wind

Einige Überlegungen zur Bedeutung des Christianums

Tatort Burschenprüfung: Auf die Frage nach den Prinzipien des Wingolfs kommt prompt die Antwort: „Corporativum und Christianum“ (vermutlich in genau dieser Reihenfolge). Auf die Nachfrage der Bedeutung zählt der Prüfling – wie aus der Pistole geschossen – die wenigen Zeilen aus dem Fuchsenskript auf. Und Schluss. Infolge wird der Prüfling zu denen gehören, die eben diese Prinzipien inhaltlich füllen und ausgestalten sollen.
Und genau ab diesem Zeitpunkt stellen sich so manche Probleme ein. Das Corporativum ist aufgrund der traditionellen Formen schnell verstanden und praktiziert. Mit dem Christianum ergeben sich allerdings eine Vielzahl von Problemen. Seit Jahrzehnten bzw. vielen Wingolfsgenerationen sind Diskussionen ums Christianum ein Fixpunkt im Verbindungsalltag. Während frühere Generationen meist ums Wie diskutierten, gesellt sich in jüngerer Zeit vermehrt die Frage nach dem Ob hinzu. Dieser Diskussionsstand wird besonders durch die Tatsache verstärkt, dass im Kernland des Wingolfs, Deutschland, in Folge der Wiedervereinigung die Zahl der getauften Christen massiv gesunken ist und sich die Frage stellt, wie mit Interessenten ohne christlichen Hintergrund umzugehen sei. Weiters drängt sich natürlich das Unbehagen so mancher auf, das durch die immer stärkere Kirchenverdrossenheit heutzutage offensichtlich weitverbreitet ist. So wird es im ersten Moment nicht weiter verwundern, wenn Aktive sich beklagen, dass es immer schwieriger wird, Leute vom Christianum zu überzeugen. Andererseits muss ich doch einige Zweifel an dieser „Notlage“ äußern, wenn solche Klagen beim Wingolf zu Wien geäußert werden. Ist doch Österreich nach wie vor eines der Länder der EU mit einer enorm hohen Zahl an getauften Christen.
Wie bei einigen anderen Verbindungen ist auch im Wingolf zu Wien die Mitgliedschaft in einer staatlich anerkannten christlichen Religionsgemeinschaft (nicht unbedingt eine der großen Kirchen) eine Grundbedingung für die Aufnahme als Vollmitglied (d.h. Burschung). Wir sprechen hier also mit Fug und Recht von einem getauften Christen, also weniger charmant ausgedrückt Taufscheinchristen. Die Bezeichnung „Taufscheinchrist“ weist auch schon den Weg in die weitere Problematik. „Taufscheinchristen“ ist mittlerweile eine gängige Bezeichnung für Menschen, die bloß noch auf dem Papier als Angehörige des Christentums sehen. Aber solche „Christen“ haben wir doch im Wingolf keine, oder?
Ein Blick in die Tradition und auf diverse sehr leidenschaftliche Beiträge besonders von Philisterseite mag die vorherige Aussage bestätigen. Wirft man jedoch einen Blick auf den Alltag der vielen so verschiedenen Wingolfsverbindungen, für die aber das Christianum eine der wenigen einenden Konstanten ist, ernüchtert man zusehends. Weder in Programmen noch im Alltag findet sich allzu häufig ein klares Bekenntnis in diese Richtung, ganz im Gegenteil hat man oft den Eindruck, dass besonders die Auseinandersetzung mit dem Christianum eine lästige Pflicht ist. Alte Tugenden, wie eigenständige und gemeinsame Beschäftigung, inhaltliche Diskussionen und gemeinsames Glaubensleben, wird man in der heutigen Zeit wohl vergeblich suchen. Solche Dinge wirken aber auch dem Zeitgeist allzu fremd. Jedoch sollten wir eines nicht vergessen: Das meiste, was Wingolf ausmacht – man denke beispielsweise nur an ortsübergreifende Bundesbrüderlichkeit und Ablehnung der Mensur – entstammt genau dieser ernsthaften und tiefgehenden Auseinandersetzung mit dem Christianum, die wir heute teilweise vermissen.
Ein Rest der christlichen Grundüberzeugungen wird aber vermehrt als eigentlich zeitgemäße Anwendung des Christianums verlangt, nämlich die Übereinstimmung mit christlichen Werten. Der Wingolf sozusagen als Wertegemeinschaft – von der Gemeinschaft der „Taufscheinchristen“ zu der der „Gesinnungschristen“. Die tiefere Bedeutung von christlichen Werten kann sich mir jedoch nicht erschließen. In jeder der verschiedenen christlichen Denominationen gibt es unterschiedliche Wertvorstellungen. Sind die christlichen Werte, denen einen Wingolfit zustimmen solle, Grundüberzeugungen der heutigen Gutmenschen, konservative katholische Weltanschauungen, evangelikale Weltmissionsideen oder was sonst?
So schwierig es in der heutigen Zeit auch sein mag, so ist das gemeinsame Bekenntnis zu Jesus Christus, dem einen Sohn Gottes, eine entschieden tragfähigere Basis, als ein nicht näher zu umreißendes, zeitbedingtes Wertekonstrukt. Die aktuelle Herausforderung für den Wingolf sollte man nicht darin sehen, sich dem unsäglichen Zeitgeist anzupassen, sondern – oft auch gegen den Zeitgeist – gemeinsam mit den Brüdern den Weg vom Taufscheinchristen zum Wingolfiten, den eben mehr ausmacht, zu gehen. Dieser Weg ist dann auch für den einzelnen ebenso wie für die Gemeinschaft gewinnbringend und kann als gelebtes Christentum in der gewohnten Meinungsvielfalt sehr wohl beträchtlich zur Attraktivität des Wingolfs beitragen. Selbstverständlich ist dies keine Kleinigkeit, aber für mich bei weitem lohnender als eine vielen Beliebigkeiten unterworfene Wertegemeinschaft, die mehr von einer politischen, immer um möglichst modernen Stimmenfang bemühten Partei hat als von dem Bruderbund, in den ich hineingewachsen bin.
Das Christianum ist und bleibt die Grundfeste des Wingolfs – durch die Zeiten und durch die Generationen – und kein Fähnlein, das wir beliebig in den Wind hängen.

M.L. Wi95

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Das Streichelinstitut

Am 12.01.2011 fand auf der Bude des Wingolf ein denkwürdiger Abend der literarischen Hochkultur statt! Der Idee und vor allem dem unermüdlichen Einsatz von Gerhard Weinhofer verdanken wir alle den Besuch von Clemens Berger, einem der wohl talentiertesten und (man verzeihe mir meine subjektiv gefärbte Wortwahl) auch besten Jungautoren des deutschen Sprachraumes. Ich vermeide bewusst das Wort „Nachwuchsautor“, denn für Clemens Berger ist der unlängst erschienene Roman „Das Streichelinstitut“ bereits sein 6. Werk, ein weiterer grandioser Meilenstein zu wohlverdientem Ruhm und Anerkennung, die ich ihm von Herzen gönne.

Clemens Berger wurde 1979 in Güssing geboren und besuchte (wie viele andere Wiener Wingolfiten) das Gymnasium in Oberschützen. Danach hat er das Philosophiestudium in Wien begonnen, seit Jahren ist die Beschäftigung mit Sprache sein zu Hause geworden. So weit so gut – so viel ist aus der Biographie auf seiner Homepage (www.clemensberger.at) zu entnehmen.

Mit Clemens Berger verbinden viele Wingolfiten darüber hinaus aber auch persönliche Erlebnisse. Manchen ist er noch aus der Schulzeit bekannt. Ich selbst habe ihn jedoch recht bald danach aus den Augen verloren. Bis auf einen sonnigen Samstag im Juni. Bis ich mich an jenem Tage im Buchgeschäft meines Vertrauens wieder fand um endlich eines seiner Werke zu lesen. Ich wollte sehen ob der mutige Schritt hinein in die risikoreiche Existenz des freischaffenden Schriftstellers eine lohnende, bewusst gewählte, ja geradezu logische war und ob sich dies auch in seinen Werken widerspiegelt. Ich wollte sehen was nun hinter dem immer wieder auftauchenden Namen Clemens Berger steckt und war schlichtweg neugierig was sich hinter den klingenden Namen seiner Werke wie „Die Wettesser“ oder „Der gehängte Mönch“ verbirgt.

„Das Streichelinstitut“ habe ich innerhalb weniger Tage verschlungen. Ich war begeistert von der grandiosen Sprachgewalt, den meist humorvoll gewählten, oft auch sehr tief gehenden Beobachtungen des Alltagslebens. Das Buch hat mich zum Nachdenken gebracht und gleichzeitig mit der expliziten Direktheit mancher Szenen fasziniert. Der (für Bekannte des Autors) sehr autobiographisch erscheinende Text beschäftigt sich mit einem in den Tag hinein lebenden erfolglosen Philosophiestudenten, der eines Tages beschließt ein unkonventionelles Geschäftsmodell zu verwirklichen. Er eröffnet ein Streichelinstitut in dem er Streicheleinheiten gegen Bezahlung anbietet. Weitergehende erotische Handlungen ausgeschlossen. Das Buch beschreibt den Wandel des linksliberal stehenden Gesellschaftskritiker Severin Horvath der sich alsbald als erfolgreicher Bobo (bourgeoise bohemien) und „Normalo“ im 7. Wiener Bezirk wiederfindet. Neben seinem beruflichen Erfolg ist Severin mit der Liebe seines Lebens gesegnet, ist sich derer bewusst und kämpft dennoch mit den Erinnerungen an Eszther, einer ihn nicht loslassenden Affaire und Seelenverwandten. Hinter den absurd komischen und tief realistischen Alltagsbeobachtungen wirft das Buch zentrale Fragen eines jeden (jungen) Erwachsenen auf: Wie weit darf man im Alltag aufgehen ohne seine eigenen Ideale und Visionen über Bord zu werfen? Was kommt nachdem man die „große Liebe“ erst einmal fassen konnte, und sich die ersten Abnützungsspuren einer jahrelangen Beziehung breit machen? Was bedeutet Glück für jemanden und welche Rolle spielen dabei Geld und materielle Güter? „Das Streichelinstitut“ behandelt viele dieser Fragen aus Sicht des Autors und gibt darüber hinaus wunderschöne Momentaufnahmen an Schauplätzen in und um Wien wieder.

Die Lesung an jenem Mittwochabend fand im Beisein von etwa 20 Aktiven und Philister statt, Conphilister Kesseler nutzte die Gelegenheit eines Wienbesuchs um gemeinsam mit seiner Frau der Veranstaltung beizuwohnen. Clemens Berger hatte einige Lesestellen vorbereitet, danach gab es einige Zugaben nach Wünschen aus dem Auditorium. Im zweiten Teil des Abends wurden zum Thema „Österreich quo vadis“ aktuelle Anliegen aus Politik und Kunst andiskutiert. Der Abend klang in gemütlicher Runde bei heißem Leberkäs´ und dem einen oder anderen Bierchen im Barraum aus. Ich bedanke mich herzlich bei den Organisatoren für diese gelungene Veranstaltung, ich habe den Abend sehr genossen.

M.K.Wi 00