Der MKV als Österreichs attraktivste Jugendorganisation 2015 – Utopie oder Chance? – Rede am 69. Pennälertag des MKV 2011

Im Zuge des vom hohen Kartellvorsitzenden gestarteten Projekts „ Der MKV und seine Verbindungen als attraktivste Jugend- und Schülerorganisation 2015“ fand auch die große Mitgliederumfrage des MKV statt. Nicht nur jede Verbindung bekam einen Fragebogen, sondern gleich alle Kartellbrüder fanden einen im Briefkasten vor. Jeder sechste MKVer hat sich die Zeit genommen, diesen auszufüllen und wieder zu retournieren. Und wofür? Man hört oft Sätze wie “Aber meiner eigenen Verbindung bringt das Umfrageergebnis wenig bis garnichts!” Dabei zeigt es uns Schwarz auf Weiß, wo wir gerade stehen und bietet daher Grundlage für weitere Entwicklungen im MKV – und die hat unser Verband auch wirklich nötig!

Wie kann man überhaupt daran glauben attraktiver zu werden, wenn man die derzeitige Situation unseres Verbandes und der meisten seiner Mitgliedsverbindungen kennt? Nur wenige Organisationen haben in Österreich mit solchen Imageproblemen zu kämpfen wie der MKV. Dass wir altmodisch und verstaubt wirken liegt wohl auf der Hand. Wir stehen  nicht wirklich im besten Licht, werden verwechselt oder man kann mit uns nicht wirklich etwas anfangen. Doch kein Wunder, dass uns die Öffentlichkeit so wahrnimmt. Wenn man von den Medien dadurch definiert wird was man NICHT ist, anstatt dadurch was man ist, wer soll dann wissen wofür der MKV steht? Und nicht nur die Medien, sondern auch der MKV selbst präsentiert sich zu oft auf diese Weise. Identifikation durch Verneinung – der MKV verkauft sich dadurch schlecht und vor allem unter seinem Wert!

Und wie geht es dem MKV intern? Unsere Mitgliederzahlen deuten auf ein Schrumpfen des Gesamtverbandes hin und nur noch 62% der Aktiven sind unter 25 Jahren alt. Von gelebter Kartellbrüderlichkeit kann angesichts der viele Vorfälle auf den letzten Pennälertagen wohl auch nicht mehr die Rede sein. Durch Rüpelhaftigkeiten mancher Kartellbrüder wird bewusst unseren Ruf nach Außen und die Glaubwürdigkeit nach Innen geschädigt! Ebenso wenig kann die Rede von gelebter Tradition und Comment sein. Angesichts der Festzeltstimmung dieses und der vergangenen Pennälertage bin ich froh, dass wir unter uns sind und sich keine Medien, keine Kameras hier im Kommerssaal befinden. Es ist mir unbegreiflich, warum die in der Corona sitzenden Landeschargen nicht für Ruhe unter den eigenen Kartell- und Bundesbrüdern sorgen. Genauso unbegreiflich ist es mir aber auch, warum nicht jeder Einzelne den Sitznachbarn darauf aufmerksam macht, dass er sich nicht auf dem Münchner Oktoberfest befindet!

Nach Außen und nach Innen ist die derzeitige Situation des MKV also alles andere als gut. Auf dieser Grundlage kann das angestrebte Projekt „MKV – die attraktivste Jugendorganisation 2015“ doch nur eine Utopie sein!?

Vielleicht dachte unser hoher Kartellvorsitzende dabei aber an das Zitat von Antoine de Saint-Exupéry: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Schließlich ist oftmals der Weg das Ziel.

„MKV – Garten der Zukunft“ – so lautet das Motto des diesjährigen Pennälertages und um unsere Zukunft soll es heute auch gehen.

Durch Studien ist bekannt, dass die Sehnsucht nach Heimat, christlichen Werten und historischen Wurzeln in Österreichs Jugend wieder steigt. Mit anderen Worten: Der MKV hat eine solide Grundlage in der Gesellschaft und er hat das Potential dazu attraktiv zu sein.

Was bietet der MKV Jugendlichen überhaupt? Junge Burschen können erstmalig selbst gestalten, und wir sind dabei nicht allein – Jung und Alt stehen auf einer Augenhöhe. Hier werden Erfahrungen gemacht, die uns nicht genommen werden können! Nicht in vielen Organisationen können Jugendliche soviel lernen wie sie es hier bei uns tun. Dennoch sind unsere Verbindungen keine Vereine, in denen man nur „Dienst tut“, oder nur einen  „Mehrwert“ in Empfang nimmt; es bedeutet die Ausbildung diverser „Soft Skills“, die uns aber nicht nur zu unserem eigenen Ego oder zu unserem eigenen Fortkommen, nutzen sollen. Bildung und Erziehung in der Verbindung hat die Aufgabe junge Menschen zu lehren, ihre Interessen zu vertreten – und noch viel grundlegender – überhaupt zu lehren, Interessen zu haben. Verbindung als Erziehungsgemeinschaft soll Werte vermitteln, Schülern ein zweites zu Hause bieten und ihnen eine freie Entfaltung ihrer Anlagen zu ermöglichen.

Österreichs Jugend empfindet zwar einen steigenden Leistungsdruck in Beruf und Ausbildung. Doch will sie arbeiten und will sie etwas im Leben erreichen. Leistung ist ein unverzichtbares Element, um in der Zukunft bestehen zu können. Unsere Verbindungen sind die Schulen des Lebens. In einem geschützten Rahmen wird einiges gefordert – dennoch gilt der Grundsatz: „Fehler machen ist erlaubt!“.

Und was tut der MKV dafür? Er bietet ein breites Angebot an Seminaren und Schulungen. Und als wären LVS, KFS und TrAk nicht schon genug, werden ab Herbst vom Leopold Figl Institut noch speziellere, verbindungsspezifischere Seminare und Workshops angeboten. Jetzt liegt es an uns dieses Angebot auch anzunehmen!
Unsere Probleme in der Öffentlichkeit werden dadurch aber nicht gelöst! Denn dazu müssen wir aus unseren Buden raus, mehr in die Öffentlichkeit und auch dazu stehen, dass wir korporiert sind. Haben wir keine falsche Scheu, nicht alle verurteilen uns voreilig. Auch wenn wir es nicht schaffen, in ganz Österreich bekannt und anerkannt zu sein, so können wir es zumindest schaffen, direkt vor Ort präsent zu sein und bekannter zu werden, was auch die Keilung erleichtern sollte. Wir dürfen uns auch nicht immer nur abgrenzen und durch das definieren, was wir nicht sind, sonder müssen es auf den Punkt bringen, was wir sind. Verstärken wir den Kontakt zu unseren Schulen, nutzen wir die Möglichkeiten des Internets für unsere Zwecke, arbeiten wir – wie auch laut Umfrageergebnis von uns gewünscht – enger mit der Kirche und dem ÖCV zusammen, sowie mit der Katholischen Jugend und der Schülerunion. Planen wir öffentlich zugängliche Veranstaltungen, die hochwertig und gefragt sind. Fragen wir uns, „was können wir für die Gesellschaft tun“, dann wird auch ein positives Feedback spürbar werden.
Die Arbeit in unseren Verbindungen wird von Pennälern und von Philistern geleistet. Und genau diese, oder zumindest ein kleiner Teil von ihnen, sind es, die auch den Verband mit Leben erfüllen. Wir alle wissen, dass man seinen Platz in einer Mannschaft durch seine Aufgabe erhält, die man innerhalb dieser erfüllt. Wer bloß auf dem Spielfeld herumsteht, ohne eine echte Rolle und Funktion zu haben, gehört nicht wirklich dazu. Diese Aufgaben werden uns manchmal angeboten, manchmal zugewiesen und manchmal entwickeln wir sie in Hinblick auf unsere Fähigkeiten und Kenntnisse selbst.

Des Öfteren wird dann aber an den Funktionären des Verbandes aber auch an einzelnen Kartellbrüdern Kritik geübt. Manches Mal vollkommen zu recht – andere Male voreilig und ungerecht. Immerhin nehmen sich diese Kartellbrüder die Zeit, dass sie über ihre Verbindung hinaus auch etwas bewegen wollen. Wer außerhalb des Glashauses sitzt, kann leicht mit Steinen werfen! Schwieriger wird es schon im Glashaus sitzend damit zu werfen!
Vielleicht ist der MKV im Jahr 2015 die attraktivste Jugendorganisation Österreichs, vielleicht auch nicht. Doch um es mit einem anderen Zitat von Antoine de Saint-Exupéry zu sagen: „Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen.“

MKV – die beste Jugendorganisation 2015” ist eine Herausforderung, an der wir uns messen, an der wir wachsen und in der wir uns verwirklichen können. Dafür ist wichtig, dass sich jeder – weit mehr als in der Vergangenheit – aktiv in die Gemeinschaft, in unseren Lebensbund, einbringt. Wir sind Teil des MKV und der MKV ist ein Teil von uns! Egal wo man arbeitet, egal welche Position man hat; ob Fux, Bursch oder Philister – wir halten den MKV zusammen. Wir sind der MKV. Wir haben genug Hände um sie einander zu reichen und anzupacken. Wir sind 15.500 in über 160 Verbindungen. Wir sollten uns nicht immer fragen was der Verband für uns tun kann, denn wir sind der Verband. Beschweren wir uns doch seltener, sondern bieten wir unsere Hilfe an. Lassen wir uns nicht von anderen definieren, sondern zeigen wir der Öffentlichkeit wer wir wirklich sind. Bringen wir die beste Leistung, zu der wir fähig sind; und wenn wir damit fertig sind, übertreffen wir uns selbst! Wir sind der MKV! Wir sind der “Garten der Zukunft”! Packen wir´s an, es gibt viel zu tun!

Heil MKV!

Bernhard Valant v. Zerberus, RBF

Alexander Putz v. Goliath, ASO

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Wingolfspauke zum 82.Stiftungsfest

Werte Kommerscorona, es steigt nun die Wingolfspauke!

„Ach die Wingolfspauke, ist e jedes Jahr das gleiche“, das wird einigen hier eben durch den Kopf gegangen sein. Die Probleme der Studenten durch den Bolognaprozess oder die Wirtschaftskrise haben wir doch in letzteren Pauken öfters zu Ohren bekommen. Doch ich habe heute ein anderes Hauptthema erarbeitet.

Eines der wichtigsten Themen für mich in diesem Semester ist die Arbeit am Zusammenhalt innerhalb der Verbindung. Die Frage des „warum“ ist einfach zu beantworten. Mit dem Treueschwur der Burschung, der wie folgt unter Eid geschworen wird:

„Gelobst du, stets zum Wingolf zu Wien zu stehen, an seinen Prinzipien getreulich festzuhalten, seine Statuten gewissenhaft zu befolgen, Freud und Leid mit ihm zu teilen, seine Interessen nach Kräften zu fördern und allen seinen Mitgliedern ein wahrer Freund und Bruder zu sein. So gelobe es auf die rot–weiß–grüne Fahne des Wingolf zu Wien.“

Wir geloben ein wahrer Freund und Bruder zu sein, aber ist das so? Wir keilen oft mit dem Argument der Brüderlichkeit im Wingolfsbund. Nur sind wir alle brüderlich in unserem Miteinander? Sind wir jedem Bundesbruder ein Bruder in guten und in schlechten Zeiten?

Es kommt mir vor, als ob seit einigen Semestern der Kontakt der Verbindung zur Öffentlichkeit der Hauptpunkt der Semesterplanung ist. Wir brauchen große Berühmtheiten, oder tolle Veranstaltungen, denn sonst können wir ja nicht keilen. Aber ist das wirklich so?

Natürlich machen sich solche Veranstaltungen gut in dem Programm und es zieht womöglich auch Spähfuxen auf die Bude, aber mit welcher Intention? Sicherlich nicht, weil sie auf der Suche nach Brüderlichkeit und dem Bruderbund waren. Aber gerade das ist für mich einer der wichtigsten Punkte im Wingolf aktiv zu sein.  Teil des Bruderbundes zu sein, ein Leben lang. Das Wort Brüderlichkeit birgt als Stammwort den Begriff Bruder, das sich vom japhetischen „bʰer“ ableitet. Das bedeutet unter anderem Frucht bringen und gerade dieser Terminus drückt doch aus, was der Bund für uns bedeuten soll.

Ein Bundesbruder zu sein heißt, die Fehler und Schwächen des anderen zu tolerieren und Meinungsverschiedenheiten nicht mit einer „Hau drauf Mentalität“ zu schlichten, sondern auf brüderliche Art in einem Gespräch. Die Stärken der Brüder sollte man fördern und ihm in jeder Lebenssituation zur Seite stehen. Das ist für mich Brüderlichkeit. Doch  sehen wir uns einmal die Definition des Begriffes Brüderlichkeit an: „Brüderlichkeit ist der historische Begriff für die Überzeugung von der Zusammengehörigkeit und von der Gleichheit und Würde aller Menschen.“

Die Gleichheit und Würde aller Menschen, dies sollte man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Außenstehenden vermitteln wir, dass wir ein Bruderbund sind. Respektieren wir die Gleichheit und Würde jedes Menschen?

Dies ist vielleicht eine harte Fragestellung, doch sollte jeder von uns einmal darüber nachdenken wie es bei uns selbst mit der Erfüllung dieser Anforderung aussieht. Gerade für uns, als christliche Studentenverbindung, ist die christliche Definition der Brüderlichkeit sehr wichtig: “Die Einswerdung mit Christus schließt die Einswerdung der Christen untereinander ein und bedeutet so die Aufhebung der trennenden natürlichen geschichtlichen Grenzen.“ Dazu der passende Vers aus dem Matthäus Evangelium, Kapitel 23, Vers 8: „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder.“

Ihr aber alle seid Brüder. Passende Worte aus lang vergangener Zeit, die wir als Wingolfiten heute noch hoch halten müssen.

Wir sind kein unpersönlicher Club oder eine Lobbyverbindung, wir sind der Wingolf. Und vorallem der Wingolf zu Wien. Wir müssen uns in Wien gegen die großen ÖCV Verbindungen durchsetzen und gerade hier sehe ich unser großes Potential als Bruderbund. Wir brauchen uns nicht mit 20-30 Fuxen zu brüsten, die sich untereinander nicht kennen und die Burschen erst recht nicht. Wir sollten unsere Maßstäbe nicht an der zweistelligen Zahl der Füxe stellen. Sondern lieber eine kleine, aber starke Fuxia bilden. Wir brauchen junge, angehende Akademiker, die den Willen haben in den Wingolf zu investieren. Junge Menschen die den Sinn des Wingolfs begriffen haben und sich engagieren wollen in einer Sache, die es nun schon seit mehr als 160 Jahren gibt. Die jungen Studenten müssen erfassen, welch Vorteile sie dadurch unter den anderen Studenten erlangen. Sie werden später ihr Engagement und ihre Arbeit für den Wingolf tausendfach zurückbekommen.

Deshalb, meine lieben Bundesbrüder, sollten wir bei der Keilung, abgesehen von den Vorteilen der Vernetzung und Bereitstellung von Hilfe im Studium, den Bruderbund als zentrales Thema vermitteln. Denn so können wir uns in Wien durchsetzen und haben einen sehr gewichtigen Vorteil, gegenüber den anderen Verbindungen bei der Keilung.

Werte Bundesbrüder, denkt immer daran, wir sind Bundesbrüder und haben dies unter Eid geschworen. Haltet dieses Privileg euer Leben lang hoch, es kann euch nur gutes bringen.

Zum Abschluss dieser Pauke zitiere ich Johann Heinrich Pestalozzi: „Wer sich im Geist und in der Wahrheit als Bruder von Hunderten fühlt, der ist ein höherer Mensch als der zärtlichste Bruder von Einem.“

C.O. Wi07

Wingolfspauke zum 81.Stiftungsfest

Werte Kommerscorona, es steigt die Wingolfspauke.

Lange habe ich überlegt, was könnte ich euch als Pauke darbieten? Welches Thema anschneiden das nicht bereits mehrfach gebraucht wurde? Mehrere Male habe ich die Pauke umgeschrieben um ein Thema mit Inhalt zu finden.

Was ist eine Pauke? Was ist der Wingolf? Woher nimmt der Wingolf seine Existenzberechtigung?

Ist der Wingolf ein kostspieliges Hobby? Ein zeitraubender Klotz am Bein? Schädlich für die Gesundheit? Hinderlich am und im Studium? Etwa gar ein Deckmantel, ein Vorwand für ungezügelten Alkoholkonsum?

Werte Corona, in der heutigen Zeit darf man sich durchaus fragen: Ist der Wingolf noch zeitgemäß oder hat er sich selbst überlebt?

Landauf landab ist die Wirtschaftskrise spürbar. Beinahe täglich neue Meldungen über aberwitzige Summen zur Rettung maroder Banken und Unternehmen. Eine nachhaltige Besserung in nächster Zeit ist nicht in Sicht.

Der Bologna-Prozess hat die einstige wissenschaftliche Einrichtung Universität zu einer besseren Schule verkommen lassen. Arbeitsüberlastung der Studierenden, Frust im Studium, verkürzte Studienzeiten bei gleichem Stundenaufwand – Interessen des Marktes dominieren das Bild. Die eigentliche Bildung des Einzelnen verkümmert, scheint lediglich ein Nebeneffekt zu sein. Woher bekommt ein Student die von der Arbeitswelt geforderten Social Skills? Wie kann ein Student in so kurzer Zeit ein überdurchschnittliches Studium absolvieren? Wie Praktika Erfahrung sammeln? Wann die geforderte Auslandserfahrung?

Hat ein Student nicht bereits genug mit seinem Lebensunterhalt zu kämpfen? Hat ein Student nicht bereits zu viele Sorgenfalten von undurchsichtigen Prüfungen, Prüfungsordnungen, den Anforderungen der Dozenten?

Wie soll ein Student bei all diesen Problemen zu dem werden, was die Gesellschaft fordert? Wie soll ein Student zur zukünftigen geistigen Elite des Landes gehören, wenn kaum Zeit neben dem Studium zur persönlichen Entfaltung bleibt? Wie kann ein Student ganz nebenbei den Generationenkonflikt lösen?

Wie ist das mit der heutigen „Geiz-ist-geil-Mentalität“? Alles schneller, alles besser, alles neu – ein rasanter Fortschritt, der scheinbar grenzenlose neue Möglichkeiten bietet. Wo bleibt Zeit für das Christianum, wo findet sich Zeit für eine generationenübergreifende Freundschaft – muss dies zu Gunsten einer Karriere aufgegeben werden?

Werte Corona, ich frage, was hält heute noch ewig? Ein Fernseher? Ein Kleidungsstück? Ein Koffer?

Wie passt das heutzutage noch zum Wingolf? Für was steht der Wingolf? Ist die heutige Zeit noch mit dem, was der Wingolf verkörpert, vereinbar? Mit unseren überlieferten, gewachsenen Traditionen? Passen diese noch in unsere „aufgeklärte“ Welt?

Für einen Außenstehenden mögen unsere Kneipen, unsere Tradition, unser Verhalten befremdlich wirken. Setzt man sich aber mit dem was den Wingolf ausmacht näher auseinander, erscheinen die Ergebnisse umso erstaunlicher.

Allein unser verblüffend einfacher Wahlspruch „Di henos panta – Durch einen – Jesus Christus – alles“ bietet die Grundlage für beinahe 170 Jahre Wingolfbund. Aus diesem Prinzip entwickelten sich weitere Werte.

Das Christianum findet sich nicht nur als wesentlicher Bestandteil in unserer Verbindung. Weit über die Grenzen unserer Verbindung und über Österreich hinaus, in einem vereinten Europa, hat das Christianum seinen festen Platz erhalten. Entgegen der allgemeinen Tendenz aus der Kirche auszutreten, hat es der Wingolf zu Wien in wenigen Semestern geschafft, zwei Füchse zum christlichen Glauben durch eine Taufe zu führen und zu begleiten. Auch eine Firmung durfte der Wingolf zu Wien mit einem Bundesbruder gemeinsam feiern.

Während andere Teile der Gesellschaft mit dem Generationenvertrag hadern, ist es im Wingolfbund selbstverständlich, dass das Lebensbundprinzip von allen Bundesbrüdern aktiv gelebt wird. Wo sonst findet sich ein junger Aktiver vertieft in ein Gespräch mit einem deutlich älteren Philister? Wo sonst findet solch ein intensiver Austausch, eine Hilfestellung in allen Lebenslagen statt, als in einer studentischen Verbindung? Wo findet außerhalb der studentischen Verbindungen eine harmonische generationenübergreifende Freundschaft statt, die auf Gegenseitigkeit beruht? Wo sonst findet ein Austausch statt, von dem vorbehaltlos jede Generation profitiert? Wo werden Individuen akzeptiert, wie unterschiedlich auch ihre Charaktere, ihre Ansichten sind?

Aus meiner Sicht bietet der Wingolf, im speziellen der Wingolf zu Wien, weit mehr. Die Universitäten verkommen zu stupiden Lehranstalten, die persönliche Entwicklung der Individuen wird nicht gefördert, schon gar nicht gefordert. Genau hier nimmt sich der Wingolf in die Pflicht. Der Wingolf hat es sich zur Aufgabe gemacht seine Mitglieder zu Persönlichkeiten auszubilden, die geprägt von christlichen Grundsätzen, ihre Meinung vertreten, aus der Menge herausstechen. Gesellschaftlich wie auch wissenschaftlich sich gegenüber der breiten Masse herauskristallisieren. Der Wingolf übernimmt durch den Zusammenschluss zu einer Lebensgemeinschaft Aufgaben, die die Bildungseinrichtungen nicht mehr vermitteln können. Er wird somit zu einem wichtigen Bestandteil der eigenen persönlichen Entwicklung. Nicht nur auf den universitären Sektor macht sich diese Hilfestellung bemerkbar, sondern auch in der Erziehung untereinander.

Aus dem Wingolf zu Wien ist eine Einheit geworden die im Wingolfsbund sehr hohes Ansehen genießt. Trotz der weiten Anreise fanden sich beim Wartburgfest über 30 Wiener Bandträger ein. Lob und Anerkennung wurde uns aus allen Teilen des Bundes angetragen, für den jüngsten Aktiven bis hin zum ältesten Philister. Dies zeigt, dass die harte Arbeit welche über Semester hinweg von allen Beteiligten geleistet worden ist, Früchte trägt. Früchte trägt diese Arbeit auch im Interkorporativen Leben vor Ort. Kaum eine Verbindung kann stolzer auf ihren hervorragend ausgebildeten und großen Fuchsenstall sein. Kaum eine Verbindung kann mit dem schneidigen Auftreten der Aktivitas konkurrieren. Die wenigsten Verbindungen verfügen über eine vergleichbar eifrige Philisterschaft.

Gewachsen aus Traditionen, hat sich hier etwas Besonderes entwickelt. Der Wingolf zu Wien versteht es wie kaum eine andere Verbindung vor Ort, den Spagat zwischen den überlieferten Traditionen, dem Commet, den ernsthaften Veranstaltungen und den neuzeitlichen Errungenschaften, den freudig frivolen Veranstaltungen zu meistern. Der Wingolf zu Wien versteht sich im Feiern nach der Art, wie schon vor Jahrzehnten gefeiert wurde, ebenso sicher zu bewegen, wie im täglichen Leben und im Umgang mit der heutigen Gesellschaft.

Der Wingolf zu Wien bietet einen Mehrwert, der sich aus Traditionen entwickelt hat, sich aber nicht vor Neuerungen verschließt. Natürlich ergibt sich dieser Mehrwert nicht allein aus der anteilslosen Teilnahme am Verbindungsleben, vielmehr müssen die vorhandenen Angebote genutzt werden. Ohne eigenen Einsatz, ohne das tägliche Arbeiten an sich selbst in allen Bereichen, ohne das persönliche Engagement von Allen, kann sich kein Mehrwert ergeben.

Selbstverständlich muss dafür Zeit aufgewendet werden, Zeit mühsam erarbeitet werden um die vorhandenen Angebote zu nutzen.

Zeit gefunden werden als junger Aktiver sich auf der Bude vom Alltag zu erholen. Sich vom universitären Stress eine Lernpause zu genehmigen im Kreise der Bundesbrüder. Entspannung zu finden als ein im Berufsleben stehender Philister. Sich von den täglichen Anforderungen im Arbeitsleben zu entspannen.

Meiner Meinung nach bietet sich die Verbindung als ein Ort mit Gleichgesinnten, wie kein anderer an. Wo sonst kann man losgelöst von den meisten Zwängen ungebunden bei einem Bier vom Alltag abschalten und in eine andere Welt abtauchen? Wo sonst kann man sich gewiss sein, stets wahre, die Zeit überdauernde, alte und neue Freundschaften zu schließen?

Werte Corona, ich vermag nicht zu sagen was heutzutage ewig hält. Eines kann ich jedoch nach meiner bisherigen Zeit im Wingolf sagen: unsere Freundschaft, unser Lebensbundprinzip, unsere Bundesbrüderlichkeit, unser Band – all diese Dinge überdauern die Zeit.

Schließen möchte ich meine Rede mit folgendem Zitat des Wingolfiten Paul Tillich in einem Brief an Thomas Mann:

„Was ich theologisch, philosophisch und menschlich geworden bin, verdanke ich nur zum Teil den Professoren, in überragendem Maße dagegen der Verbindung, wo die theologischen und philosophischen Debatten nach Mitternacht und die persönlichen Gespräche vor Sonnenaufgang für das ganze Leben entscheidend blieben. Musik spielte dabei eine große Rolle und das romantische Verhältnis zur Natur […] verdanke ich vor allem den Wanderungen durch Thüringen und zur Wartburg in jenen Jahren, in Gemeinschaft mit den Verbindungsbrüdern.“

A.S. Wi07

Die Deutschen und die Alpenrepublik

„Wir fallen uns um den Hals; der Kollege Rippel, der Diplom-Ingenieur Posch – wir busseln uns ab. … Warten’s no a bisserl; dann können wir uns vielleicht ein Vierterl genehmigen. Burschen, jetzt follts net um hinten. . . . Iwer` narrisch!“ – Mit diesen legendären Worten des Wiener Sport- und Rundfunkreporters Edi Finger ist wohl schon jeder in Österreich lebende Deutsche nichts ahnend in Kontakt gekommen. Spätestens, wenn beim gemütlichen Beisammensitzen die verstaubten VHS-Videokassetten mit der Aufschrift „CORDOBA 1978“ rausgekramt und mit höhnischem Lächeln eingelegt werden. Der damalige Triumph der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft über die deutsche Elf bei der WM in Argentinien trug wahrscheinlich mehr zur österreichischen Identität bei, als so manches andere Großereignis der Zweiten Republik.

Dabei können Deutsche und Österreicher auf eine über Jahrhunderte gewachsene gemeinsame Kultur und Geschichte zurückblicken! Aus österreichischer Sicht kamen sich die deutschen Länder im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation besonders nahe, bis die noch heute spürbare Zäsur des Bruderkrieges von 1866 und die deutsche Reichsgründung Preußen zur deutschen Vormacht werden ließ. Auch wenn Otto von Bismarck damals eine kleindeutsche Lösung durchsetzte, hatte für ihn die Partnerschaft zwischen den beiden deutschen Nachbarn höchste Bedeutung. Gegen Wilhelm I. verhinderte Bismarck eine preußische Siegesparade in Wien, damals drohte er sogar mit Selbstmord, und setzte dennoch einen der maßvollsten Friedensverträge durch, die jemals in Europa einen Krieg beendeten. Österreich sollte nicht gedemütigt werden!

Das folgende Bündnis zwischen dem neuen Deutschen Reich und der österreichischen Doppelmonarchie bescherte beiden Ländern 45 Jahre Frieden, bis die Tragödie des ersten Weltkriegs beide Kaiserreiche zerstörte. Das Verbot der Siegermächte verhinderte den österreichischen Anschluss an Deutschland, den Hitler dann 1938 vollzog. Ein Jahr später stürzte er die Welt in die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges.

Nach 1945 hoffte die junge österreichische Republik als „erstes Opfer“ der Mitschuld zu entgehen und betonte das Trennende gegenüber Deutschland, wies die meisten Deutschen aus und enteignete sie. Für die junge deutsche Bundesrepublik riss dann der Staatsvertrag von 1955 weitere Gräben auf, die nur langsam überbrückt werden konnten. Erst Tourismus und Wirtschaft brachten auf beiden Seiten wieder Annäherung und Zusammenarbeit.
Auch der Schmähbegriff „Piefke“ für die Norddeutschen wurde wiederbelebt, obwohl er im Berliner Biedermeier als Figur des deutschen Spießbürgers entstanden war. Seine Häme erhielt er jedoch erst nach 1866, als die katholisch-konservativen Eliten ihren Hass auf das siegreiche protestantische Preußen fokussierten.

Für Hubertus Godeysen, dessen Kulturgeschichte über den Piefke-Begriff 2010 erschien, gilt: “Für die Alpenrepublik seien die “Piefkes” nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, sie leisten auch einen wesentlichen Beitrag zur nationalen Identität. Denn nur durch das stolze Bewusstsein, kein ‘Piefke’ zu sein, ertragen die Österreicher den Verlust einstiger Weltgeltung und ihr ambivalentes Verhältnis zum großen Bruder.”

Je näher sich beide Länder wieder kamen, umso stärker betonte Österreich seine Eigenheiten. Sportliche Siege über Deutschland wurden zum nationalen Hochamt und Córdoba zur Revanche für Königgrätz. Dennoch erfreut sich die schöne Alpenrepublik bei seinen nördlichen Nachbarn höchster Beliebtheit, in jüngster Zeit nicht nur bei Touristen oder Geschäftspartnern, sondern auch für deutsche Einwohner.
Aus der Bildungsdebatte und den österreichischen Hörsälen sind die Deutschen nicht mehr wegzudenken, auch wenn sie vielfach als „Numerus Clausus Flüchtling“ oder „Studienplatzschmarotzer“ beschimpft werden. Die Nachbarn gehören zum Studienalltag wie die sich stapelnden Lehrbücher oder das Mensaessen. Doch findet man die Exil-Deutschen nicht nur im Studium, sondern schon fast in jeder Berufssparte – vom Caféhaus-Kellner bis zum Top-Manager.

Im Mai 2010 überraschte die Statistik Austria das Land sogar mit der Mitteilung, dass die Bundesrepublikaner die Liste der größten Zuwanderungsgruppe, aber auch das Ranking der ausländischen Straftäter anführten. Mit steigender Tendenz wohnten 138.225 Deutsche mittlerweile in der Alpenrepublik und lösten erstmals die Serben, Montenegriner und Kosovaren als stärkste Ausländergruppe ab. Böse Zungen sprechen bereits von den „neuen Tschuschen“, was im österreichischen Deutsch eine verächtliche Bezeichnung für die Angehörigen slawischer oder südosteuropäischer Völker bedeutet.
Doch die Deutschen werden in Österreich durchaus mit Wohlwollen willkommen geheißen. So stellte die Boulevard-Zeitung „Österreich“ unter der Überschrift „Piefkes sind die neuen Ösis“ lobend fest: „Österreich wächst – dank der Deutschen“. Und wenn man einer BBC-Studie glauben darf, so gehört Deutschland mit 59% sogar zum beliebtesten Land vor Kanada und den anderen EU-Ländern.

Begreifen wir das gemeinsame Zusammenleben, Arbeiten und Studieren als Chance, um uns einander besser kennen und schätzen zu lernen, so lösen sich schnell gegenseitige Vorurteile auf und tradierte Verhaltensmuster erweisen sich als überholt. Europa wächst zusammen und das Trennende verbaut nur die gemeinsame Zukunft!

Johann-Philipp Buchholtz Wi09 xx

Grundfeste oder Fähnlein im Wind

Einige Überlegungen zur Bedeutung des Christianums

Tatort Burschenprüfung: Auf die Frage nach den Prinzipien des Wingolfs kommt prompt die Antwort: „Corporativum und Christianum“ (vermutlich in genau dieser Reihenfolge). Auf die Nachfrage der Bedeutung zählt der Prüfling – wie aus der Pistole geschossen – die wenigen Zeilen aus dem Fuchsenskript auf. Und Schluss. Infolge wird der Prüfling zu denen gehören, die eben diese Prinzipien inhaltlich füllen und ausgestalten sollen.
Und genau ab diesem Zeitpunkt stellen sich so manche Probleme ein. Das Corporativum ist aufgrund der traditionellen Formen schnell verstanden und praktiziert. Mit dem Christianum ergeben sich allerdings eine Vielzahl von Problemen. Seit Jahrzehnten bzw. vielen Wingolfsgenerationen sind Diskussionen ums Christianum ein Fixpunkt im Verbindungsalltag. Während frühere Generationen meist ums Wie diskutierten, gesellt sich in jüngerer Zeit vermehrt die Frage nach dem Ob hinzu. Dieser Diskussionsstand wird besonders durch die Tatsache verstärkt, dass im Kernland des Wingolfs, Deutschland, in Folge der Wiedervereinigung die Zahl der getauften Christen massiv gesunken ist und sich die Frage stellt, wie mit Interessenten ohne christlichen Hintergrund umzugehen sei. Weiters drängt sich natürlich das Unbehagen so mancher auf, das durch die immer stärkere Kirchenverdrossenheit heutzutage offensichtlich weitverbreitet ist. So wird es im ersten Moment nicht weiter verwundern, wenn Aktive sich beklagen, dass es immer schwieriger wird, Leute vom Christianum zu überzeugen. Andererseits muss ich doch einige Zweifel an dieser „Notlage“ äußern, wenn solche Klagen beim Wingolf zu Wien geäußert werden. Ist doch Österreich nach wie vor eines der Länder der EU mit einer enorm hohen Zahl an getauften Christen.
Wie bei einigen anderen Verbindungen ist auch im Wingolf zu Wien die Mitgliedschaft in einer staatlich anerkannten christlichen Religionsgemeinschaft (nicht unbedingt eine der großen Kirchen) eine Grundbedingung für die Aufnahme als Vollmitglied (d.h. Burschung). Wir sprechen hier also mit Fug und Recht von einem getauften Christen, also weniger charmant ausgedrückt Taufscheinchristen. Die Bezeichnung „Taufscheinchrist“ weist auch schon den Weg in die weitere Problematik. „Taufscheinchristen“ ist mittlerweile eine gängige Bezeichnung für Menschen, die bloß noch auf dem Papier als Angehörige des Christentums sehen. Aber solche „Christen“ haben wir doch im Wingolf keine, oder?
Ein Blick in die Tradition und auf diverse sehr leidenschaftliche Beiträge besonders von Philisterseite mag die vorherige Aussage bestätigen. Wirft man jedoch einen Blick auf den Alltag der vielen so verschiedenen Wingolfsverbindungen, für die aber das Christianum eine der wenigen einenden Konstanten ist, ernüchtert man zusehends. Weder in Programmen noch im Alltag findet sich allzu häufig ein klares Bekenntnis in diese Richtung, ganz im Gegenteil hat man oft den Eindruck, dass besonders die Auseinandersetzung mit dem Christianum eine lästige Pflicht ist. Alte Tugenden, wie eigenständige und gemeinsame Beschäftigung, inhaltliche Diskussionen und gemeinsames Glaubensleben, wird man in der heutigen Zeit wohl vergeblich suchen. Solche Dinge wirken aber auch dem Zeitgeist allzu fremd. Jedoch sollten wir eines nicht vergessen: Das meiste, was Wingolf ausmacht – man denke beispielsweise nur an ortsübergreifende Bundesbrüderlichkeit und Ablehnung der Mensur – entstammt genau dieser ernsthaften und tiefgehenden Auseinandersetzung mit dem Christianum, die wir heute teilweise vermissen.
Ein Rest der christlichen Grundüberzeugungen wird aber vermehrt als eigentlich zeitgemäße Anwendung des Christianums verlangt, nämlich die Übereinstimmung mit christlichen Werten. Der Wingolf sozusagen als Wertegemeinschaft – von der Gemeinschaft der „Taufscheinchristen“ zu der der „Gesinnungschristen“. Die tiefere Bedeutung von christlichen Werten kann sich mir jedoch nicht erschließen. In jeder der verschiedenen christlichen Denominationen gibt es unterschiedliche Wertvorstellungen. Sind die christlichen Werte, denen einen Wingolfit zustimmen solle, Grundüberzeugungen der heutigen Gutmenschen, konservative katholische Weltanschauungen, evangelikale Weltmissionsideen oder was sonst?
So schwierig es in der heutigen Zeit auch sein mag, so ist das gemeinsame Bekenntnis zu Jesus Christus, dem einen Sohn Gottes, eine entschieden tragfähigere Basis, als ein nicht näher zu umreißendes, zeitbedingtes Wertekonstrukt. Die aktuelle Herausforderung für den Wingolf sollte man nicht darin sehen, sich dem unsäglichen Zeitgeist anzupassen, sondern – oft auch gegen den Zeitgeist – gemeinsam mit den Brüdern den Weg vom Taufscheinchristen zum Wingolfiten, den eben mehr ausmacht, zu gehen. Dieser Weg ist dann auch für den einzelnen ebenso wie für die Gemeinschaft gewinnbringend und kann als gelebtes Christentum in der gewohnten Meinungsvielfalt sehr wohl beträchtlich zur Attraktivität des Wingolfs beitragen. Selbstverständlich ist dies keine Kleinigkeit, aber für mich bei weitem lohnender als eine vielen Beliebigkeiten unterworfene Wertegemeinschaft, die mehr von einer politischen, immer um möglichst modernen Stimmenfang bemühten Partei hat als von dem Bruderbund, in den ich hineingewachsen bin.
Das Christianum ist und bleibt die Grundfeste des Wingolfs – durch die Zeiten und durch die Generationen – und kein Fähnlein, das wir beliebig in den Wind hängen.

M.L. Wi95

Das Streichelinstitut

Am 12.01.2011 fand auf der Bude des Wingolf ein denkwürdiger Abend der literarischen Hochkultur statt! Der Idee und vor allem dem unermüdlichen Einsatz von Gerhard Weinhofer verdanken wir alle den Besuch von Clemens Berger, einem der wohl talentiertesten und (man verzeihe mir meine subjektiv gefärbte Wortwahl) auch besten Jungautoren des deutschen Sprachraumes. Ich vermeide bewusst das Wort „Nachwuchsautor“, denn für Clemens Berger ist der unlängst erschienene Roman „Das Streichelinstitut“ bereits sein 6. Werk, ein weiterer grandioser Meilenstein zu wohlverdientem Ruhm und Anerkennung, die ich ihm von Herzen gönne.

Clemens Berger wurde 1979 in Güssing geboren und besuchte (wie viele andere Wiener Wingolfiten) das Gymnasium in Oberschützen. Danach hat er das Philosophiestudium in Wien begonnen, seit Jahren ist die Beschäftigung mit Sprache sein zu Hause geworden. So weit so gut – so viel ist aus der Biographie auf seiner Homepage (www.clemensberger.at) zu entnehmen.

Mit Clemens Berger verbinden viele Wingolfiten darüber hinaus aber auch persönliche Erlebnisse. Manchen ist er noch aus der Schulzeit bekannt. Ich selbst habe ihn jedoch recht bald danach aus den Augen verloren. Bis auf einen sonnigen Samstag im Juni. Bis ich mich an jenem Tage im Buchgeschäft meines Vertrauens wieder fand um endlich eines seiner Werke zu lesen. Ich wollte sehen ob der mutige Schritt hinein in die risikoreiche Existenz des freischaffenden Schriftstellers eine lohnende, bewusst gewählte, ja geradezu logische war und ob sich dies auch in seinen Werken widerspiegelt. Ich wollte sehen was nun hinter dem immer wieder auftauchenden Namen Clemens Berger steckt und war schlichtweg neugierig was sich hinter den klingenden Namen seiner Werke wie „Die Wettesser“ oder „Der gehängte Mönch“ verbirgt.

„Das Streichelinstitut“ habe ich innerhalb weniger Tage verschlungen. Ich war begeistert von der grandiosen Sprachgewalt, den meist humorvoll gewählten, oft auch sehr tief gehenden Beobachtungen des Alltagslebens. Das Buch hat mich zum Nachdenken gebracht und gleichzeitig mit der expliziten Direktheit mancher Szenen fasziniert. Der (für Bekannte des Autors) sehr autobiographisch erscheinende Text beschäftigt sich mit einem in den Tag hinein lebenden erfolglosen Philosophiestudenten, der eines Tages beschließt ein unkonventionelles Geschäftsmodell zu verwirklichen. Er eröffnet ein Streichelinstitut in dem er Streicheleinheiten gegen Bezahlung anbietet. Weitergehende erotische Handlungen ausgeschlossen. Das Buch beschreibt den Wandel des linksliberal stehenden Gesellschaftskritiker Severin Horvath der sich alsbald als erfolgreicher Bobo (bourgeoise bohemien) und „Normalo“ im 7. Wiener Bezirk wiederfindet. Neben seinem beruflichen Erfolg ist Severin mit der Liebe seines Lebens gesegnet, ist sich derer bewusst und kämpft dennoch mit den Erinnerungen an Eszther, einer ihn nicht loslassenden Affaire und Seelenverwandten. Hinter den absurd komischen und tief realistischen Alltagsbeobachtungen wirft das Buch zentrale Fragen eines jeden (jungen) Erwachsenen auf: Wie weit darf man im Alltag aufgehen ohne seine eigenen Ideale und Visionen über Bord zu werfen? Was kommt nachdem man die „große Liebe“ erst einmal fassen konnte, und sich die ersten Abnützungsspuren einer jahrelangen Beziehung breit machen? Was bedeutet Glück für jemanden und welche Rolle spielen dabei Geld und materielle Güter? „Das Streichelinstitut“ behandelt viele dieser Fragen aus Sicht des Autors und gibt darüber hinaus wunderschöne Momentaufnahmen an Schauplätzen in und um Wien wieder.

Die Lesung an jenem Mittwochabend fand im Beisein von etwa 20 Aktiven und Philister statt, Conphilister Kesseler nutzte die Gelegenheit eines Wienbesuchs um gemeinsam mit seiner Frau der Veranstaltung beizuwohnen. Clemens Berger hatte einige Lesestellen vorbereitet, danach gab es einige Zugaben nach Wünschen aus dem Auditorium. Im zweiten Teil des Abends wurden zum Thema „Österreich quo vadis“ aktuelle Anliegen aus Politik und Kunst andiskutiert. Der Abend klang in gemütlicher Runde bei heißem Leberkäs´ und dem einen oder anderen Bierchen im Barraum aus. Ich bedanke mich herzlich bei den Organisatoren für diese gelungene Veranstaltung, ich habe den Abend sehr genossen.

M.K.Wi 00

Das Verbindungshaus in Oberschützen

Vor mehr als drei Jahren wurde eine Idee geboren: Ein eigenes Haus für die beiden Schülerverbindungen in Oberschützen, um nicht mehr in einem stark renovierungs-bedürftigen, schimmligen Keller zur Miete wohnen zu müssen, der weder für interessierte Schüler noch für viele ältere Mitglieder attraktiv ist. Viele Hürden mussten überwunden, Meinungsverschiedenheiten ausgetragen und Diskussionen geführt werden, bis die Convente in großer Mehrheit der „unvorstellbaren“ Idee des Kaufes eines entsprechenden Objektes zugestimmt hatten.

Die Tauriscia Oberschützen und die Asciburgia Oberschützen haben nun einen Hausverein gegründet, den Oberschützer Korporationsverband, in dem beide Verbindungen gleichberechtigt Mitglied sind. Dessen paritätisch besetzter Vorstand – in ihm sind auch vier Wingolfiten, die Philister Frauneder, Gimbel (auch Phil-x der Asciburgia), Pirkl P. und der Aktive Putz (als x der Asciburgia) – hat sich im April diesen Jahres rasch konstituiert und verfolgte beharrlich den Ankauf des Hauses in der Schützenstraße 12.

Im Juni 2009 wurde der Kaufvertrag unterschrieben, im Juli und August fanden die umfangreichen Renovierungsarbeiten statt und am 12. September wurde unser Verbindungshaus mit einer großen Feier eingeweiht.

Für mich als Philistersenior der Tauriscia, der ich erst seit April im Amt bin, ist alles noch viel schneller gegangen, als ich es gerade beschrieben habe. Voller Stolz und Begeisterung habe ich bei der Renovierung mitgewirkt. Jeder Handgriff der gesetzt wurde, jeder Gedanke über Einrichtung und Verzierung bestärkte den Glauben an ein lebendiges Verbindungsleben. Alle bemühten sich so sehr und waren/sind mit ganzem Herzen dabei, dass sich einfach jeder Gast hier wohl fühlen muss. Und nicht nur jeder Gast sondern auch alle Aktiven und Philister, die hier gemeinsam den Grundstein für eine hoffnungsvolle Zukunft der Korporationen in Oberschützen legen. Das was vor einigen Monaten noch als vages Projekt einiger „Verrückter“ ausgesehen hat, ist jetzt Wirklichkeit geworden. Mit harter Arbeit, Aufopferungsbereitschaft und Zusammenhalt haben wir es geschafft, ein Verbindungshaus zu gestalten, in dem sich alle wohlfühlen können.

Beeindruckend war auch der Arbeitseinsatz den ein paar wenige aus allen drei Verbindungen Tauriscia, Asciburgia und Wingolf zusammen mit Kartellbrüdern aus dem BMV gezeigt haben. Meine Hochachtung allen, die sich hier so engagieren und für die Zukunft arbeiten.

Das Haus selbst ist ein typisch burgenländisches Bauernhaus, ca. 110 Jahr alt, 120m² Wohnfläche, mit einem kleinen Garten und einem alten Stadl. Ein ganz besonderer Teil ist der alte Gewölbekeller, der bereits auf die erste Kneipe wartet. Im Haus gibt es einen gemütlichen Aufenthaltsraum und einen Kneip- und Veranstaltungsraum. Dazwischen liegen der Eingangsbereich und die Küche mit Barraum. Bei der Renovierung haben wir uns neben Funktionalität vor allem um Gemütlichkeit bemüht. Moderne und Tradition werden kombiniert und so bietet das Verbindungshaus kompakt alles, was ein Couleurstudent in Oberschützen braucht.

Tauriscia und Asciburgia, deren Philister und auch Philister des Wingolf zu Wien, haben für die Umsetzung des Projektes Verbindungshaus gespendet. Dafür sei hier noch einmal herzlich gedankt. Ohne diese Unterstützung wäre ein so rasches Umsetzen unserer Idee wohl nur schwer realisierbar gewesen. Wir haben knapp kalkuliert und es wäre noch viel möglich.

Um die Möglichkeiten, die ein Haus bietet, voll auszuschöpfen und für Schüler noch attraktiver zu machen und so die Keilung an den Oberschützer Gymnasien zu unterstützen, bitten wir weiterhin um euren Beitrag. Wir wollen auch verstärkt mit der Ortsbevölkerung, den anderen Vereinen und der Kirchengemeinde in Kontakt treten und das Haus als offenen Veranstaltungsort in das Dorfleben einbringen. Die Verbindungen sollen anerkannte und fixe Institutionen in „Europas größtem Schuldorf“ werden. Wenn die Aktivitates in Oberschützen gedeiht, wird auch der Wingolf zu Wien weiter verstärkt Zuwachs bekommen.

Die Bündelung aller Kräfte im Oberschützer Korporationsverband erweist sich für mich als der richtige Weg, die Verbindungen in Oberschützen in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Und das nicht nur als Hausverein, sondern als innere Bindung katholischer und evangelischer Couleurstudenten weiterhin gemeinsame Semesterprogramme zu gestalten und eine Atmosphäre zu schaffen, die abwechslungsreich, anspruchsvoll und einladend ist. Ich bin überzeugt, dass möglichst viele Schüler das Verbindungshaus in Oberschützen als „zweites Wohnzimmer“ nutzen werden, zum Lernen, Spielen, Entspannen und Feiern. Aber auch für (ältere) Philister bietet sich nun eine repräsentative Möglichkeit im stilvollen Rahmen zu feiern, Maturatreffen oder private Feien abzuhalten.

Der Wingolf zu Wien ist immer willkommen, die Möglichkeiten der Nutzung sind vielfältig. Ob als Tagungsort für Klausuren, über eine private Nutzung des Hauses auch für Wingolfiten als Ausgangspunkt für viele touristische Ziele: Burgenlandtherme, Kulturzentrum Oberschützen, Haus der Volkskultur/Hianzenmuseum, Friedensmuseum Schlaining, Wein- und Schlösserstraße, bis hin zu privaten Feierlichkeiten.

Ein paar wenige haben es geschafft etwas Großes zu vollbringen. Solange es Bundesbrüder gibt, die sich engagieren und mit Herz dabei sind, können wir viel erreichen.

Es ist etwas ganz Besonderes in Oberschützen, jetzt nicht nur auf die „Bude“, sondern adH „auf das Haus“ in die Schützenstraße 12 zu gehen. Mögen wir uns dort oft treffen. Alle sind dazu eingeladen.

Philipp Pirkl Wi01, Tauriscia Phil-x